Freitag, 11. Oktober 2024

malerei



monsieur,

noch ein glas wasser


kommen sie

wir gehen ins atelier

setzen sie sich

sehen sie doch

hier

dieses gemälde

eine leihgabe

aus dem land der trauben

und papierdrachen

afghanistan

in kyanite dunkelgrau

zinnober monte amiata

und analusisch rotem ocker

dann hier

sehen sie

etwas russisch grüne erde

cadmiumgelb

eierschalenweiß

und weit draußen

im raum

traubenkernschwarz

und hören sie dort

in der tiefe 

der sedimente

der irdische chor

des himmels

grund unseres kommens

es ist nicht

das schreiende blutbad

scharlachrot

das atonale porträt

des 20. jahrhunderts

kopfstehend

vermalt

und seitenverkehrt

seit jahrhunderten

der schwarze strich

raffiniert

kopiert

das zuckerstück

mit dem gesichtsscanner

eingesperrt

das kind

hingerichtet

der ewig schuldige

beklatscht

von der schwindsucht

in der hand

das alte schwert

gegen leben

und menschwerdung

dort 

sapiens uniform

umnachtet

vom fall

des unsterblichen

ins gelbe ei

wütet gegen sich

ruft verzweifelt

nach erlösung

tötet im rausch

sich selbst

kinder mütter väter


hier

monsieur

sehen sie

unverschleiert

es ist

achat pfirsich nr. 9

was für eine morphologie

was für ein komposition

hören sie diesen ton

mit ihm

folgt keiner mehr

an den küchentischen

und in den cafés

dem stellungsbefehl

nicht einer


kommen sie

wir gehen in den garten

es ist noch warm



 ©   by  J. G:





Samstag, 5. Oktober 2024

husch

eine

kurze periode nur

eine eitle sekunde

noch nich mal

kaum der rede wert

unsäglich

der schlachtenlärm

des sapiens

eines tags

verschluckt

das ich

verschwunden

im vakuum

wiege von äonen 


 ©   by  J. G:



am morgen


 einen kuss

gab sie ihm

für dieses wort

poesie

das lied der unsterblichen


 ©   by  J. G:

Samstag, 28. September 2024

Ein Viertel




Was für eine Überraschung, Monsieur.

Welch eine Freude zu dieser Mittagsstunde!

Kommen sie, ich zeige Ihnen das Neusteste in meinem Atelier.

In der Nacht die letzten Striche.

Die Farben sind noch nicht ganz trocken.

Dort, sehen sie, auf dem Boden steht es.

Übertüncht, in der Mitte, Buchstaben.

Gehen sie ruhig näher ran.

Lesen sie. 



"...selten...von oben... auf sich ... Leben...

meist... unten angekom.... to... Steine..."*1



Eine lange Zeit konnte ich keinen Pinsel mehr halten.

Sie wundern sich.

Die Hände wollten nicht mehr.

Konnte keine Leinwand mehr sehen. 

Musste raus.

Das ganze letzte Jahr.

War auch in der Klinik.

Medikamente.

Ein einziger dunkler, brennender Schatten lag über meinem Atelier.

Schauen sie mich an, wie ich aussehe.


Sie sagen, sie hatten die Kontrolle verloren?


Ja, wie soll das gehen in diesem Riesenreich?

Kontrolle, das ist ja lachhaft.

Will man es, folgt der Kollaps.

Eine Naturkatastrophe.

Innere Waldbrand nach einem Blitzeinschlag.

Hatten sie Angst?




Ich war erstarrt.

Spürte wie eine Art  Kristall um mich barst.

Ausgespuckt. 

Nackt, kein Schutz von Rettungssanitätern und Gedanken.

Taumel, Schwindel, eiskalt.

Atemnot.


Sehen sie, hier auf dem Bild, das sind die seismographischen Linien dieses Ereignisses.

Lauter Brüche.

Kristallene Starre.

Und dann das.

Plötzlich unerwartet Sedimente.

Keine Objekte. 

Sie sind Subjekten.

Reden.

Ein traumatischer Zustand.

Was ist tot, was ist lebendig?


Eine Antwort gefunden in ihrem Bild? 


Die Brüche habe sich in Han Purpur auf die Leinwand aufgetragen.

Brüche öffnen.

In den Aufbrüchen wachsen so was wie Lianen.

Neue Verbindungen

Visionen.


Da scheint wohl was durch.

Bilden die Lianen Ziffern ab?

Mit Han Purpur kündigt sich was an.

Könnte sein.

Musikalisch hört es sich an wie Posaunen, recht laut.


Ein Bote.


Ja, nicht in den Brüchen, an den Rändern, den ersten Ufern schon, in den Schwingungen..


Da scheint etwas durch, das wir nicht so gut sehen, entziffern können, aber doch wahrnehmbar  ist, 

Ich habe dafür die Farbe Ploss Blau genommen, um es besser lesen zu können.

Je mehr Farbe ich auf der Leinwand diese Farbe verteilt habe, je transparenter wurde es.


Was sieht sich da?


Seltsam.

Kein Objekt.

Kein Ende von was.

Subjekte.

Ziffern als Lebewesen.


Echte Lebewesen?


Würde ich so nicht sagen.

Es fehlen mir noch die Worte.

Irgendwie heller, durchscheinender als Lebewesen, transparenter. 

Diese Farbe hebt das Undurchsichtige auf.

Die Trennung ist aufgehoben.

Alles ist eins.

Und doch sind die Dinge unterscheidbar.



Und was ist das dann?



Bleizinngelb, habe ich versucht.

Dann war alles Hell, sehr  hell.

Wie ein Sommertag, der nicht enden will.

Eine Gleichung. 


Eine Gleichung für was?


Malen und Zeichnen, ein physischer Zustand.

Ein Akt. 

Berührung.

Ein archaischer Vorgang.

Fühlen.

Kontakt.

Mit anderem.

Mit sich.

Selbst entsteht.

Seit Anbeginn ein Tanz auf der ganz großen Leinwand.

Atome, Moleküle, Schachtelhalm, Nasenbär, Krokodil.



Und stoßen sich wieder ab.


Ja, alles In Nullkommanix. 

Keine Zeit im Spiel.

Anstoßen, umarmen, freigeben. 


Ein ewiges Lichtbild; Madame.



Totes Material, Sedimente, von Licht und Wasser über Jahrmilliarden belebt. 

Mit mir stehe ich plötzlich nach Millionen von Jahren vor einer Leinwand, male und zeichne. .

Ja, wen und was denn?


Die Welt, sich selbst.

 

Das ist doch unheimlich. 


Madame, welche Farbe ist das?

 

Das ist Kosmochlor Jade.

Ja, eine Farbe, die diese Art von "sich sehen" offenlegt. 


Und hier?


Ja, Monsieur, Plasma ist auch im Spiel. Das überlebt jede Katastrophe. 

Meine Initialen, in Opalrot.


Eine Heimsuchung?


Ja, ja, richtig.


Und,  wie geht´s hier weiter?


Über Jahrmillionen nur Kiemenatmung.

Und plötzlich soll man mit den Lungen atmen.

Jahrmillionen nur kriechen.

Plötzlich soll man fliegen.

Jahrtausende tasten und denken in unbewussten Zeiträumen. 

Plötzlich sieht und fühlt man anders, in Materie, die wach ist.

Alles ist so unglaublich ausgedehnt.

Kein halten mehr.



Ja, wie denn? 


Erstickungsanfälle.

Kaltschweiß. 

Lichtfallen.



Wohin?


Anfangs n diese elende Starre. 

Doch dann.

Eine Bogensekunde nach dort oder hier.

Eine winzige Bewegung nur.

Schon ist alles anders. 

                                      

 Durchscheinend.


Nicht nur ich, sondern auch das Bild, 

puuh, die Welt selbst schaut.


Eine Nötigung.


Absolut.!

.

 

Monsieur, ich bin etwas über 50, kosmisch gerade mal eine viertel Sekunde am Leben, wenn es hoch kommt. Meine Kinderschuhe, die ganzen Bilder, mein ganzes Leben steckt in diesem winzigen Viertel. 


Eine Hirnraserei.


Ja, und gleichzeitig eine unheimliche Ausdehnung und Ruhe in diesem Viertel.

Hier meine Hände, fühlen sie meinen Puls.


Ein passabler Takt.


Ein pulsierender Ort, dieses Viertel.


Heimat aus Kohlenstoff.



Und mehr.

Hier, sehen sie, dieser Ort hat nicht nur Hände, kann nicht nur einen Pinsel halten, Bilder malen, einen Kaffee am Mittag kochen, lieben, er kann auch die Leere dieses Universums, diesen rasenden Stillstand in diesem Viertel empfinden, einen tiefen Atemzug nehmen und einen Strich in der Nacht auf der Leinwand setzen.


Eine Sensation.


Seit Milliarden von  Jahren flitzt ein Zündfunke durch dieses kleine Viertel in meinem Atelier.

Und jetzt, ja jetzt malt dieser Zustand mit mir die Linie nach rechts, die auch gleichzeitig eine Linie nach links ist, und umgekehrt.

Und, male ich die Linie nach oben, ist sie auch gleichzeitig eine Linie nach unten, und umgekehrt.

Und dann noch mit all dem Licht in dieser Finsternis.

 

Willkommen im Weltenraum, Madame.


Kommen sie, wir gehen in den Garten.

Es ist noch warm.



 ©   by  J. G:



„Nur sehr, sehr selten hat man von oben einen Blick auf sich und sein Leben. 

Meist geschieht das, wenn man ganz unten angekommen ist, im Reich der toten Steine.“ *1


Dienstag, 17. September 2024

überaus

 still

ein blatt

im wind


 ©   by  J. G:

lauter briefe

"Ich wollte dir schon lange schreiben, 

aber es ist mir immer wieder etwas dazwischengekommen.

Ich hoffe, dass ich die richtigen Worte finde." 28.05.1970


„Gebärden seit Jahrhunderten"

"Die Hoteltür springt auf und im Schatten des Portiers bricht mir das letzte Stück Stolz aus meiner Wunderliebe.

Vor der Drehtür stehe ich da und die rote Flut strömt hitzig durch meinen Liebespalast.

Im leichten Luftzug der Hoteltür schwanke ich und auf Fußspitzen greife ich nach einem Wiedersehen.

Nach diesem Mondschein sind die Angaben zu meiner Person unvollständig.

Das Alchemistenwunder Körper zittert noch in der Kesselglut der Nacht, berührt weiter im Chaos aus Plasma und Gas alles und jedes, das in jeder Sekunde die Welt neu erschafft.“


 ©   by  J. G:




Sonntag, 8. September 2024

auf sich

den stein schon ewig zeitlos unterwegs in all den lichtjahren nun bei den gelben blumen den schmetterlingen dem schwingen der luft ©  August...