Mittwoch, 4. November 2026

am wasserloch



Eigentlich ist doch alles klar?


Oder?


Wenn da nicht das Leben selbst wäre.


Dieser herrlichen Leib aus Physik, Weib und Schokolade.

 


Halb erwacht, dümpeln und wühlen wir immer noch amphibisch in den Sümpfen unserer lichtlosen Instinkte, atmen ängstlich hinter dem Sonnenschirm des Nichtwissenwollens, inszenieren liebend leidende Pose, hintergehen klagend den Balg mit grellen Blitzen aus dem Gehirnschacht, diesem elenden Blecheimer aus rauf und runter, diesem beißenden Pumpen eines sauren Stoffes in den Lungensäcken, kriechen mit argwöhnischen Augen schmerzverzerrt zurück in das Gitterbettchen, in das erlösende Grab der letzten Ruhe, einem kosmischen Ich und diesem lichtsaugenden Mantel, dieser schwarzen Wiege, diesem schrecklich osszilierenden Nein-Ja-Nein, dieser mordlustig vor sich hin philosophierenden Spezies.

 

Der Zweibeiner kriecht lieber an das erlösend geglaubte Kreuz, zurück in die geschlossene Anstalt, in die Schule der Kaserne, zwängt sich freiwillig in die modische Anstaltskleidung und bedient gehorsam den gläubigen Hospitalismus vor der Klagemauer, atmet lieber sterbende Galaxien, statt einen Augenblick Brot und Licht.

"Ich auch"
M. McIron

 

Sehe ich mich um, so sitzen einige andere mit mir zusammen in dem Gitterbettchen und wiegen sich im Nein-Ja-Nein Takt, wollen mit Gewalt zum Stein der Weisen, mit feuchten Träumen unter den Rock der Prälaten, wollen mit bangem Anklopfen erst eine amtliche Beglaubigung, zwängen sich händeringend nach Entschuldung in den Beichtstuhl, wollen mit wissenschaftlichen Beweise freien Einritt in den Zustandsraum der Wahrheit, wollen endlich sicher sein, wollen Jahrhunderte weiter so und ellenlang immer nur messen, bevor sie das Helle, die Sonne in ihrem eigenen Leib, als Lebensstoff, Wirklichkeit und Seele ihres Erwachens offen ansprechen und nach dem Weg fragen.

 

Gestern sah ich ein Interview mit Jim Rakete, einem Fotografen aus Berlin.

Er hat Plattenkameras am Start, Linnhoff und Mamiya, kosten so 10.000 Euro pro Stück mit allem drum und dran, produzieren eine brillante Tiefenschärfe, eine Läuterung, die die Nebelkinder im Alltag so vermissen und nur im kurzen Freigang um die Ecke, vielleicht im Liegen auf der Sommerwiese, in vorbeihuschenden Kinderaugen, im erschöpften "Guten Abend, was kann ich für sie tun" Wort eines Bankangestellten, im todmüden Augenwinkel eines Busfahrers beim Einwischen des Wechselgeldes, so nebenbei geschenkt bekommen.

Lohmeyer, der eloquente Frager vom Dienst, sonst ein guter Ballzuwerfer, stellte bescheuerte Fragen, so dass ich schon ärgerlich wurde über die einengende Stanzform, das Fragen einer intellektuellen Blindschleiche.

 

Rakete befreite sich durch nicht in die Kamera blicken, er antwortete mehr dem leeren Raum und wortsuchend dem Fußbodenbelag seines Berliner Studios zugeneigt.


Warum kommt mir Rakete in den Sinn?

 

Sehe ich mich um, sitzt Rakete neben mir im Gitterbettchen, obwohl er schon mit dem, was er tut, Linse fängt Licht ein, raus aus dem irdenen Grab ist.

 

Doch er wird nicht müde, sich selbst nicht zu trauen, beschmiert sich immer wieder und gerne mit Asche und vernebelt sich im Dunst des Intellekts, ja kokettiert mit dem sauren Denkstoff des Zweifels, so als müssten wir, solange wir Sauerstoff atmen, Zweifel haben, müsste das Menschsein, das kleine Pfötchen Licht auf dem Zellfilm, vor dem Stellungsbefehl der eisernen Kommandantur des Sapiens, in Himmel, Höhlen, Höllen und Dunkelkammern wie Juden vor den Häschern im Keller verstecken.

 

Rakete, was soll das Versteckspiel?

 

Jeden Tag, wie jeder andere Sapiens, stehe ich auf und gehe in die geschlossene Anstalt eines Abgesangs, eines Zuchthauses des Arbeitskonsums, Schule der Nation. Freigang habe ich manchmal nachmittags, wenn die Tiefebene windig den Himmel freigibt und ich auf zwei Rädern raus kann, so wie Wolfgang aus Weimar vor den Bewunderern, den nach dem Mundrednern und vor den Anhimmelnden nach Italien zu den Zigeunerinnen flüchtete.

 

Mache ich meine Arbeitstür hinter mir zu, drehe den Anstaltsschlüssel des feudalen Grundbesitzes in seinem demokratisierten Schloss herum, gehe auf den Bürgersteig, steige in den Bus, setze mich allein, stehe gemeinsam mit anderen auf, steige aus, kaufe ein, steige wieder mit anderen ein, fahre mit dem Bus, steige aus, gehe heim. 


Auf den Stufen in den 1. Stock des Haues, schon vor der eigenen Haustür, nestele ich herum, versuche zuerst all die geistigen Sprengstoffgürtel mir vom Leib zu binden, die mir auf dem Heimweg wie heilige Bücher von all den anderen Morgenlandfahrern heimlichst um den Leib gebunden wurden.

 

In der Nacht dann wieseln die Sprayer mondlos über die Gleise und hämmern wie Arthur und Friedrich die feinen Sprengladungen auf den Hochsicherheitstrakt des unbewussten Betons.


Eine hochexplosive Legende schreit da von den Mauern in die Welt, eine spasmische Wahrheit aus Gangsterrapp, grell geschminkten Lolitas, einer Überdosis Zucker aus Fick deine Mutter, prügelnden Muttersöhnchen, die allesamt tagsüber auf den Kasernenstühlen der Fabriken, Büros und Schulfluren wie Fische auf dem Trockenen unentwegt vor sich hin zischen, zappeln, zündeln, nach Licht, Luft, Klicks und Leben schnappen.

 

Das eiserne Zollamt, der knöcherne Geizkragen, das mentale Gerippe, das mathematische Kontor des eigenen Vorteils, zahlt jedoch weiterhin mit vereidigter Miene das unsterbliche Kleinod, den bewussten Leib, nur als sterblicher Münze aus.

 

Im Kopf allein wird das Ereignis zum Selbstmordanschlag und zum Triumph für all die Titanen und Lichtklauer, die längst schon die Massengräber hinter den Wäldern gewinnbringend ausgehoben haben. Heraus marschiert kommt ordensgeschmückte, die ehrlose Parade der Hungerleiber, Schwerhörigen, Ohrabschneider, Einsiedler, Märtyrer, Mörder, Witwen und Waisen, all die Einbeinigen, die Abfallsuchenden und all die Stillgeweinten am Ende des Zuges mit ihren Trommeln und Posaunen.

 

Laute Kinderleichen.

 

So ist das im gekrümmten Zeitraum, an dieser gottverdammten Ecke der kosmischen Provinz, dort wie hier, wo sich Existenzen lebend und tot ständig wieder begegnen, alles so herrlich doppelt ist und sich alles in Vorfreude auf das erste Wort im Freihafen der Küchentische und Kaffeehäuser liebend zu umarmen beginnt.

 

Schaut man sich jedoch genau an den Küchentischen und in den Kaffeehäusern um, hört man genau hin, so sitzen Nomaden und Sternendeuter nebenan am Tisch. An den Ufern der Zusammenkunft, zwischen all dem Kuchen, Schnaps und Kaffees, schweben die Silben gliederlösend wie weiße Wölckchen durch all die nichtsnutzigen Ohren.

 

Sieht man in die Gesichter der fremden Wanderer am anderen Tisch, erkennt man sein eigenes. Ein Radio am Zellgrund, eine helle Passage, kosmischer Handelsweg, hoch empfindlich für Sendungen aus dem Hintergrund des Welttheaters, empfängt sekündlich das aufhebende Signal, das alles Hiersein mit dem Nullpunkt zum Traualtar trägt.

Die Tür ist offen.

 

Die Pest des Denkzweifels, diesem elend schwarzklebrigen Stoff, der seine Spuren als ein sinnloses Ende, als eindimensionales „umsonst“ wie ein Totengräber seine Schaufel und Grabrede auf der Zellmembran allesfressend hinterlässt, lenkt das kleine Signal aus den Anfangsbedingungen notorisch und elend dumm als falschen Hilferuf auf das Schlachtfeld des gewinnbringenden Mordens, bebaut mit Denkmälern und untermalt mit philosophierenden Seufzern.

Ach ja...

 

Ich sitze auf meinem Stuhl, renn in meinem Labor herum, spitze meine Feder und schreibe und schreie mich still nach unten, wie ein Schlagbohrer im Kohleflöz tiefer hinein ins Freie, so wie jeder auf seinem langen Lebensseil balanciert, solange bis die säuselnden Atome das Theater der sterblichen Verfassung verlassen, frei nach oben driften und mit einem "ichbines" endlich im Unendlichen den ersten Atemzug machen.


Dann, in einem unmerklichen Augenblick, sehe ich auf und um mich, finde mich in der weiten Ebene der Savanne wieder, wie ich mit anderen Impalas zum Wasserloch gehe und Licht hole.

©   2008 by  Jonathan Goodwill

Sonntag, 1. November 2026

material lover


 











Jubel

Endlich.

Nach Jahrmillionen.

Das Gesicht der Geliebten.

Materie.



Nach einer sehr, sehr langen Reise durch Äonen Nächte,

hat ihr SIE ein warmes Zuhause gefunden. 


In all dem Leben, den Tagen und Nächten, den Sternen, den Monden, den Steinen, den Gräsern, dem Wasser, den Algen, Bakterien, Viren, den Fischen, Walen, Spinnen, den Gazellen, Löwen, den Elefanten, in all dem Gefieder, den Wölfen, den Primaten in den Bäumen wie in den Savannen, in all den anderen Lebewesen und Käfern - in und mit ihnen hat SIE eine Sprache gefunden.


Bewusstsein.


Jetzt, in ihrem neuen Zuhause sind alle um den großen Tisch in der Küche versammelt.


Alle.


Kinder, Urgroßeltern, Großeltern, die Eltern, Tanten und Onkel, Cousin und Cousinen, viele Freunde, Katze und Hund, zwei Wellensittiche und drei Mäuse, alle hören unter dem Licht einer elektrischen Lampe zu wie SIE ihre Geschichte beginnt zu erzählen. 


Die Geschichte über Herkunft, Ursprung und Gegenwart, über die Absicht dieser Welt.


Auf dem Tisch steht eine warme Suppe,

frisches Brot, Käse, Birnenkompott und eine große Schüssel Sahnepudding.


Alle hören zu.


Keiner geht an diesem Abend früh zu Bett.



©  November 2026 by Jonathan Goodwill

Samstag, 24. Oktober 2026

das


"the misery of absolute power

a substitute for the soul"




„Das Fieber totaler Herrschaft zerschellt an ihren Intrigen. 


Die Figuren der Intrige um den Thron repräsentieren in ihrer Niedertracht seit Jahrhunderten mit devotem Gift und blutigen Dolchen hinter den Damastvorhängen jene eingeborene Bestimmung, Leben in seinem bewussten Vorgang duldet keine absolute Macht. 


Schon immer.


Das Elend totaler Herrschaft kennzeichnet nicht nur das unbewusste Betriebssystem der Spezies Sapiens, das seit Jahrhunderten mit Krieg und Gewalt den Aufgang in die Menschwerdung verhindert, sondern auch die seelische Heimatlosigkeit unter dem Sternenzelt.“

 


©  Oktober  2026  by Johann van der Leeuwen 



Donnerstag, 22. Oktober 2026

die Frage


"Würde man das unbewusstes Betriebssystem beschreiben wollen, in dem die Spezies Sapiens seit Jahrhunderten eingeschlossen nach humanem Sinn und kosmischer Herkunft fragend wie selbstzerstörerisch rangiert, stellte die Unkenntnis über eine real vorhandene Beziehung biologischer Systeme mit den kosmischen Anfangsbedingungen die kargen Wände wie seelisch die Vereinsamung dieses Verlieses."



©  Oktober  2026  by Johan van der Leeuwen




Mittwoch, 14. Oktober 2026

Naschmeh

 

du schöne nachtigal

im tal alamut 

hallt es

von den felskanten

 hinein

ins land

füllt 

all die grünen schluchten

an diesem tag

mit deinem liebeslied

heute

und immer

ist deine stimme

zu hören

in den herzen

der friedfertigen


   

©  Oktober  2026  by  J. G:   







Samstag, 3. Oktober 2026

Creamus ergo sum.

 

„Würde verlangt nach Kreativität. 

Sonst ist sie nicht souverän"


Würde ist die säkularisierte Form der Erhabenheit, der „Göttlichkeit“ des Lebens. 


Ein Ringen der Natur wie des Menschen, in aller Vielfalt, nach dieser Freiheit.


Es ist das gesamte Unternehmen Leben, an dem der Mensch teilnimmt, dass ihm diese aufrechte Haltung abverlangt.“ 



©  by J.van der Leeuwen


Aus dem unveröffentlichten Vortrag von Johann van der Leeuwen im Club of Rome im Jahr 1999



Samstag, 19. September 2026

zwei Groschen

 Café Größenwahn - Berliner Künstlerlokal

„Ich bin nun zwei Abende nicht im Café gewesen und fühle mich etwas unwohl am Herzen. Dr. Döblin kam mit seiner lieblichen Frau, um eine Diagnose zu stellen. Er meint, ich leide an der Schilddrüse, aber in Wirklichkeit habe ich nur große Sehnsucht nach dem Café.“ 

Else Lasker-Schüler, 1911, kränklich im Bett. 


Aus dem Buch: Vom Josty ins Romanische Café: 

Streifzüge durch Berliner Künstlerlokale der Goldenen Zwanziger

von Jürgen Schebera

Sonntag, 13. September 2026

Download for free


Demolition of the Set   
©   2026 by  J. G:   




"Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever

Living is easy with eyes closed

Misunderstanding all you see

It's getting hard to be someone

But it all works out

It doesn't matter much to me

Let me take you down

Cause I´m going to Strawberry Fields"

©  by the Beatles 1967






 

Samstag, 12. September 2026

materie

 weiß

schon vor allem

und mit ihr 

das Leben.

Doch sie gibt es

nicht preis.

Nichts sag ich dir voraus

Tyrann

selbst mit Gewalt nicht.

Ihnen sag ich's

Ihnen.


©  September 2026  by  J. G:   

am wasserloch

Eigentlich ist doch alles klar? Oder? Wenn da nicht das Leben selbst wäre. Dieser herrlichen Leib aus Physik, Weib und Schokolade.   Halb er...