Sonntag, 10. Mai 2026

Regen

 

In den Straßen pfeift der Wind.

Um die Hausecken streuen Köpfe Allerlei in die Welt. 


Auf meinen Weg an den Stadtrand komme ich an zwei Kiosken vorbei.

Große, schwarze Buchstaben inmitten von Süßigkeiten und Zigaretten.

Meldung.

Das Überleben der Menschheit.

Limbisches System in Aufruhr.

Ewige Wiederholung.

Die Sucht.

Weltuntergang.

 

Zu Fuß zum Stadtrand.

Fahre heute nicht mit dem Rad.

Schritte.

Meine.

Sandweg.

Grünes Laub, hitzige Luft.

Blicke hoch. 

Es ist August.

Erntezeit.

Der Himmel blau. 

 

Da kommt mir ein filmisches Essay in den Sinn.

Kluge Leute saßen zusammen, um über Wege nachzudenken, wie die Spezies, der auch ich angehöre, wie diese Spezies mit der plötzlichen Flut an Meinungen und hormonellem Geschrei besser umgehen könnte.

 

Junge Menschen lesen.

Verlangen auf öffentlichen Plätzen Vorkehr und Neues.

Das ist doch gut, denke ich.

 

Schaue in den Himmel.

Eine dunkelgraue Wolke. 

Regen zieht auf.

Die ersten Tropfen.

Ein alter Baum.

Ich stelle mich unter.

Die Stadt liegt hinter mir.

Sommer.

Lehne mich an den Baum.


Geschrei im Hirn.

 

Hinter dem Wald, Getreidefelder.

Maschinen.

Seit Jahrhunderten.


Wieder Geschrei.

Was ist mit Krieg, Folter, Vergewaltigung, Hunger, Elend, Erniedrigung, Misshandlung, Vernichtung von uralten Kulturen. Was ist mit diesem Blutrausch?


Regenwolken.

 

Namen und Bilder tauchen auf.

Personen und Szenarien, wie viele von meiner eigenen Spezies haben all das schon in den Jahrhunderten ähnlich laut und leise erlebt.

 

Sommerregen.

Ziehe die Schuhe aus.

Mein Rücken lehnt  am Stamm.

Applaus im Konzertsaal.

 

Sollte nicht Natur- und Menschenrecht neu verfasst werden in einer neuen Charta? 

Eine Abkehr von jener unglücklichen Maschine, jenem Betriebssystem, das seit Jahrhunderten Leben hellauf nicht sein und werden läßt?

 

Eine Mutter fährt mit ihrer Tochter auf dem Rad an mir vorbei. 

Juchzen.

 

Ein Bild.

Schön.

Herzton auf Rädern. 

 

Mutter und Kind sind weg.

Allein am Stadtrand unter einem Baum.

An und für sich.

Leben hat Ohren.

 

Ich denke an Paris und all die Diagnosen und all die Konferenzen, die auf Paris folgten. Diagnosen auf Diagnosen, Gutachten auf Gutachten.

 

Die Erde hat jetzt Pfützen.

 

So viele vernünftige Diagnosen liegen auf dem Tisch.

Der „umsonst“ Betrieb von Wasser, Luft und Honig macht langsam seinen Laden zu.

 

Vor einigen Tagen las ich einen Artikel zum Tod James Lovelook, der mit 103 Jahren verstarb. 

Die Erde, so Lovelook damals in den 50ger Jahren, ein Lebewesen.

 

In seinem betagten hohen Alter, in dem man auch erfahren kann, dass das Gegenteil von dem, was man mit 50 Jahre vorher behauptet hat, auch wahr sein kann, kam er zum Schlussakkord: Die Erde braucht uns Menschenkinder nicht. 


Er schrieb in seinem letzten Buch, Maschinen und Computer könnten uns beerben. Solche Exemplare wie wir, würden dann nur noch geduldet, so wie man „Unkraut an Bahndämmen" duldet. Es gäbe schlicht kein Ziel mehr von Optimierung organischen Leben. „Wir hätten unsere Rolle gespielt“, schriebt er seinem letzten Buch.

 

Tratschnass.

Himmel wolkenschwer.

Unter diesem Baum am Rande der Stadt.

Zuhause.

 

Erinnere die Worte eines der größten Heidedichter in den letzten Jahrzehnten, er lebt leider nicht mehr. Die Poesie schwallte nur so berauscht vom schlichten Dasein aus seinem bierbetäubten Mund. Nächtens drehte er sich unter dem Sternendach in den Strudel kosmischen Geschehens. Im Morgengrauen dann, in der blauen Stunde, sagte er vor der Küchentür unauffällig neben mir stehend, da der Mond, das reicht mir.

 

Bücher.

Schulweg der Kinder.

Erde.

Über 4 Milliarden Jahre Evolution.



Ich, 55 Jahre.

Die Füße, warm und nass.

Trage eine Brille.

  

Die Gläser stecken in meinem Haar.

Warmer Regen.

Ein Theatervorhang hebt sich.

Der Herzschlag. 

Was ist menschlich?

 

Ziehe hier her, denke ich.

Wohne einfach unter diesem Baum.

Bleibe.

Gewitter zieht auf.

Schaue hoch.

Ein Hund bellt.

Donner.

Lebewesen.

Ich, ein Subjekt.

 

Es kracht, aber nicht direkt über mir. 

Ich zähle, eins zwei drei vier fünf sechs. 

Verschränkung.

Leben.

4500 Millionen Jahre Gegenwart.

Ich und Gedanken.

Es kracht wieder. 

Ich zähle, ein zwei drei vier fünf. 

Das Gewitter kommt näher.

 

Habe Jetzt in mir

Ich bin.

Jetzt.

4500 Millionen Jahre.

Ne, ne, es sind nur Gedanken.

Unmöglich.

Ja, was denn?

Schaue nach unten.

Füße.

Nasse Erde

Oben, ein Dach grüner Blätter.

Die Sensation.

Psst.

Nicht stören im Kinderzimmer.


 

Schaue mich um.

Alice im Wunderland.

Alles lebendig.

Augen schließen Augen.

Nichts.

Alles bewusst.

Mein Gott.

In meinen Händen Regenblätter.

Ein Regenwurm und zwei, drei klitzekleine  Käfer.


Es kracht über mir.

Fasse mir an den Kopf.

Die Brille ist noch da.

Blitze über mir.

Zucke zusammen.


Tausende Volt.

Richte mich auf.

Streiche mir das warme Nass aus dem Gesicht.

 

Ursprung und Gegenwart.

So nannte Jean Gebser sein Buch.

Verfasst in den 40ger und 50ger Jahren.


Ein Walhai bin ich.

Das schöne Maul weit aufgerissen im Meer von Silben. 


Die letzte schwarzgraue Wolke lädt ihre Ladung über meinem Kinderzimmer ab.

Das Gewitter.

Vorbei.

Mir schwindelt leicht.

Was denkt hier?

In der Ferne Blau.  

Atemzug.

Der Regen hat aufgehört.

 

Vorstellung von Welt im Kopf.

Blödsinn, denke ich.

Doch.

Genau so.

Ja, wie denn?

 

Ein Märchen.

Welt sein lassen.

Unter diesem Baum.

Ein Anfang

 

Himmel in Blau

Gewitter.

Weitergezogen.


4500 Millionen Jahre

Ursprung.

55 Jahre.

Gegenwart.

Nicht zu fassen.



Copyright 2022 © by Jonathan Goodwill




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