Dienstag, 12. Mai 2026

der erste Tag

 

Das Hospiz.


In einem warmen Frühjahr, nicht allzulang her, war es dann soweit. 

Der Bruder der beiden Geschwister, der über Jahrzehnte in Südindien lebte und dort sein Brot verdiente, war für ein paar Wochen Gast in diesem Haus.


Bis zu seinem ersten Tag.



 himmelfahrt

mit all dem sternenstaub

das flammenkind ist fort

seht

dort unten am fluss

der goldene turm ist aufgebaut

der vogel singt wieder...



 Rhododendron blühen im Mai in den Vorgärten. 


Seit ein paar Monaten  prangen in großen Buchstaben auf der Fassade des Hospiz Gebäudes, sichtbar zur Straße hin, in mintgrüner Schrift auf weißen Grund, diese Worte: 


„In Würde leben bis zuletzt.“


Wie, dachte ich, ich war mit dem Rad schon vorbei, "bis zuletzt." ? 


Ich drehte um, stellte mich davor, schaute hoch und las die Worte noch einmal und langsam.


"In Würde leben bis zuletzt."


Den Punkt am Ende des Satzes sah ich jetzt erst.


Also, wie, bis zuletzt und Punkt.

Gibt es das überhaupt „bis zuletzt" und Punkt?


Im Schreiben des Textes erinnere ich den Bericht einer Frau, die mehrere Nah-Toderfahrungen hatte. Sie sagte, komisch, von Ende keine Spur.


Am Abend des gleichen Tages telefonierte ich mit meiner älteren Schwester, berichtete ihr von diesem Satz an der Fassade des Hauses. 


Zusammen mit den fürsorglichen und hilfsbereiten Menschen des Hauses war es uns beiden geschenkt, dass wir den Bruder in diesen Wochen des Frühjahres 22 würdig und mit geschwisterlicher Liebe begleiten konnten. 


Meine Schwester war berührt und angetan von der Wärme und Anteilnahme des gesamten Hauses, dass sie in den Monaten danach überlegte, ob sie sich auch in diesem Haus begleiten lassen sollte.

 

Nun, schaut man weit zurück, dahin, wo Leben seinen Beginn haben soll, schaut man in einen Beginn ohne Anfang. 


Wo kommen wir her?

Eine Frage.


Dreht man sich um, schaut weit nach vorn, dahin, wo Leben sein Ende haben soll, findet man keinen letzten Vorhang. 

Ein öffentliches Theaterstück, Ill pubblico secreto. 


Wo geht es hin?

Eine weitere Frage.

Bleibt offen.

Eine Schätzung.

Der Moment, wo sich Mund und Augen schließen.

Der Blick fällt nach Innen.


Frage des Lebens.

„...bis zuletzt.“

Und wo ist der Punkt?


Vielleicht ist es ein heimlicher, ja verständlicher Wunsch, eine offene Sehnsucht nach einer Gewissheit von einem Anfang und einem Ende.

 

Leben – ein so wunderliches Phänomen seit 4500 Millionen Jahren auf dieser Erde.

Bislang ohne einen wissentlichen Anfang und ohne ein wissentliches Ende.

Es bleibt der Glaube.

Nach hier oder dorthin.


Und mittendrin, Mensch, mit all dem Meer, den Steinen, Pflanzen und Tieren.

Und vor allen Dingen  - Kinder. 

Wir.

Leben.

Der erste Tag.

Die Erhabenheit


Ein Ringen der Natur wie des Menschen in dieser Freiheit zu sein und zu werden. 


In seinen Jahreszeiten nimmt der Mensch teil an diesem Wunder.


Das Geburtsrecht in den eigenen Händen:


"nimm teil am Unteilbaren. Schöpfe Mensch"


Der kreative Akt des Lebens.

 

Am Anfang wie am Ende des ersten Tages.


„O Gott welch ein Augenblick...“
Leonore nimmt Florestan die Ketten ab.
aus: Fidelio, L. van Beethoven



  ©   2026  by  J. G: 

 

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