Samstag, 7. März 2026

u zlateho tygra





„Im engen Kreis der Taugenichtse, Rückkehrern, Pilzsammlern Sternendeuter und dem Slowaken, der mit der Pistole unter der Jacke, stippte er mir einmal im Jahr um die Mittagsstunde ins Öhrchen, so wie er am Morgen in der Früh neben seinen Katzen sein süßes Brot in den vollen Becher Kaffee tunkt, er sei ein bedeutungsloser Sklave des Unendlichen. 

 

Jeden Tag werde er geköpft, jeden zweiten stehe er von den Toten auf und einmal in der Woche fahre er gen Himmel. Einmal im Monat gibt es ein stilles Fest der Verkündigung, pro Quartal werde er sogar heimgesucht vom heiligen Geist, jeden zweiten, manchmal dritten Tag werde er gefoltert und sogleich selig gesprochen.

 

Wenn wir uns dann in der Schenke zum goldenen Tiger mit den anderen in der Runde trafen, nahm er im Lärm des Wirtshauses seine Lippen von meinem Ohr und schaute mir direkt hinter den Frontallappen und behauptete mit dem fünften Glas Pivo, jetzt erst sei er übernatürlich nüchtern. 

 

Er sagte, alles sei eine einzige Wirklichkeit, eine aus dem Teilchenbeschleuniger, ein nichtauffindbarer Beweis, dass er ein Geschöpf des Göttlichen sei.

 

Vaclav, der Ingenieur, der seit zwei Jahren im Altersheim wohnt, saß immer rechts neben ihm am Tischende mit seiner blechernen Brotdose, stieß ihn bei dem Wort „Geschöpf“, wenn er es dann hörte, mit dem Ellenbogen leicht in die Rippen, nahm einen Pfifferling heraus und sagte, schau, dieser hier, den habe ich heute Morgen im Wald gesammelt, schau sie dir alle an, alle ohne Fehler, alle gepflückt, so wie du.“ 


©   2014   by  J. G:




die helle münze

 

„Alles fällt ins Licht.“
M. McIron



Nach den Überlieferungen teilte Gott Abraham, dem Vater aller Väter, seinen Willen mit.
So wurde es tradiert und mit schwarzen Zeichen auf weißem Grund festgeschrieben.

An diesem mütterlichen Rockzipfel halten sich alle fest, nicht nur Moslems, sondern auch Juden, Christen und all die anderen Glaubenssüchtigen. Die Familie Abrahams teilte sich danach in Flüsse und Landschaften von Generationen. Die Söhne und Töchter gingen fortan eigene Wege. So wie es sein soll.

Nach Jahrhunderten der Zwietracht, der Missverständnisse, der Ausrottungsfeldzüge, des Zanks, aber auch des zeitlich begrenzten Einvernehmens, sitzen sie wieder oder immer noch an einem Tisch und kommen nicht voneinander los.

Sie alle haben in den vergangenen Jahrhunderten in religiösen Visionen, weltlichen Idealen, individuellen Wertvorstellungen und Offenbarungstexten versucht, die geflüsterte Überlieferung aus dem Schnürboden des Welttheaters zu entschlüsseln und den Cantus des Erhörten der hungrigen Menge als Brot der Erlösung zu verkünden.

Organisiert in staatlichen oder religiösen Unternehmen, waren sie fromm und frei angetreten, das heilige Wort mit dem Siegel der Offenbarung fälschungssicher und profitabel zu übertragen.

Nun am Beginn des neuen Jahrtausends sitzen sie als Eiferer und Verfechter der heiligen Schriften beieinander, jedoch nicht als Söhne und Töchter, nicht als Geschwister eines Zweiges am Stammbaum der Erkenntnis, sondern sie sitzen sich waffenstarrend als Feinde gegenüber, sichtbar für alle Welt, rachesüchtig, von Angesicht zu Angesicht.

Unvereinbar, teilen sie die Welt in gut und böse, in Gläubige und Ungläubige, jeder brüllt, tötet sie.

Der Islam sagt, keiner ist größer als Gott. Die Christen und die Juden glauben an den Messias, für die einen war er schon da, für die anderen kommt er erst noch, aber erst, wenn die Schwestern und Brüder vom Tempelberg vertrieben sind, die, die da sagen, er kommt sowieso nicht, denn keiner ist größer als Gott. Und der kommt nie und nimmer, sagen sie, da könnt ihr lange warten, denn er ist und war schon immer da.

Und dann gibt es noch die Hindus, die geizen sowieso nicht mit Göttern, die haben gleich Millionen, für jeden Affen und jedes Sandkorn einen. Die Buddhisten halten sich aus dem Gemetzel um die Götter ganz heraus, züchten weder Glauben noch Götter, entschuldigen sich mitfühlend und höflich, entschwinden blinzelnd ins staubfreie Vakuum.

Gottes Sohn – ein Wesen nach seinem eigenen Bilde - wurde in der jüdisch-christlichen Tradition als Rettung der Welt erschaffen, ein fleischliches Sinnbild für Erlösung aus dem Pfuhl der Nacht.

Dieses Bild kennt die Islamische Gemeinde nicht. Allah hat kein Ebenbild auf Erden. Das einzige Erlösungsbild, dass die Familie der Muslime kennt, ist die freie Hingabe und Unterwerfung an jenen, der kein Abbild ist.

In langen Reihen der Geschlechter selbstsüchtig angelegt, wirkt der Eifer hochexplosiv, verroht im Schrei von Schuld und Rache. Im einfachen Menschen, fernab der Ideologien, ruft die Hingabe  an das Erhabene im Leben seit Jahrhunderten ein tiefes Mitgefühl für das andere, das eigene, das fremde, das noch unbekannte Leben hervor. Aus der Tiefe der Raumes wird es aufsteigend, mit Stift, Farbe und Ton herrlich weiblich, lebensfroh aufs Blatt geworfen.

Seit den 2 Vernichtungskriegen im 20. Jahrhundert sitzen sie seit 1948 wieder einmal an einem Tisch, sind unfreiwillig Nachbarn in der heiligen Stadt.

Jerusalem, einen Steinwurf entfernt.

Die politischen Stromkabel aus aller Welt liegen dort als spirituelle Versorgungsleitung zu den Seelen ohne Isolierung um den Tempelberg neben und untereinander, manchmal sogar deckungsgleich übereinander. Jeder kann diesen Ort als Reisender aufsuchen und für Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Jahre oder gar sein ganzen Leben unmittelbar an diesem dramatischen Schauspiel betend wie  hilfesuchend teilnehmen.

Jeden Tag zeigt sich dieser Leib der Materie der Welt mit all seinen Wunden.

Es sind nicht nur Bomben, die dort um den Leib geschnürt auf Marktplätzen und Wohnsiedlungen von Racheengeln gezündet werden und vor den Bahnhöfen und in den Wartesälen der Seele in Autobomben, Stadtbussen, Geheimdiensten und Gehirnen explodieren.

Ein weit zurückliegendes, weithin strahlendes Ereignis wirkt unmerklich wie himmelschreiend im gesamten Organismus der Erde.

Seit Jahrmillionen von Jahren.

Der Eintrag ins Quartheft.

Der Zerstörungskraft des Krieges ist nicht die Quelle, die den widerstreitenden Geist in der Lebensmaterie der Hirne aufzulösen, friedlich beizulegen und zu versöhnen vermag. 

Die Sänger, Handwerker, Nomaden und Sternendeuter haben den unerhörten Lichtsatz "tötet den Tod" poetisch an das menschliche Herz überliefert, ihn damit von außen nach innen verlegt, vom rohen Fleisch des Überlebenskampf in den singenden Aufwärtsgang der Menschwerdung.

Die animalische Religion, das litaneienhafte Nachbeten wie die zwergenhafte Gesetzgebung, die den Tod als ewigen, unerbittlichen Erlass des Universums festschreibt, dieses Schwarzschild des Sapiens, hat den hellen Ton der stillen Post offensichtlich falsch notiert auf dem irdischen Notenblatt und über die Jahrhundert in ein unbewusstes Betriebssystem von „tötet das Leben“ katastrophal übersetzt.

Das offene Geheimnis wird sich zu Füßen der Berge, Flüsse und Städte erneut kenntlich machen.
Diesmal jedoch nicht für einen einzelnen, sondern in aller Öffentlichkeit, für alle sichtbar.

Nicht als explosive, für den Menschen Elend und Leid bringende, sondern als Quelle eines seelisch begabten Wesens, Mensch, der wir alle schöpferisch sind.

Eine poetische Kraft wird auf der Bühne des Lebens wirksam, eine Begabung, die den Konflikt der Unvereinbarkeit der Gegensätze helfen wird besser zu lesen, einen Streit, der sich Jahrtausende mit dem Ruf des Krieges, tötet das fremde Leben, nicht lösen lies.

Ein einfaches Wort ist es, ein blutjunger, kaum zu vernehmender Laut aus dem Anfängen der Welt fällt aus den Mündern. 

Eine Silbe, die beglückt aus den wassergrünen Kehlen fließt."

„Nimm teil am Unteilbaren. Schöpfe Mensch.“ 

©   2008  by  J. G:

verbotene Früchte




„Die Tage verlassen den Sonnenweg,
auf den Sandwegen 
schwindeln die Odeurs“ 






Samstag.
Musikalisch in den jungen Abendhimmel.

Die staatliche Jugendmusikschule hatte geladen und junge Musiker erhoben mit Notierungen Schuberts, Debussys, Bachs, Chopins, Schostakovitschs, Beethovens, Brahms das Ansehen der Erde.

Die Tochter meines Freundes war vorgesehen für die „drei Phantastischen Tänze“ von Schostakovitsch. Eine atemberaubende Rhythmik, wie sich herausstellen sollte. Nicht fließend, sondern ein aus aufbegehrenden Leibern fassungsloses Meer.

Beim Allegretto stolpert sie, fängt sich aber wieder und spielt den Tanz mit Bravour aus.

Sie, das junge Weib, eine Frühgeburt.
Lebendiges Gemälde, eine Reihe vor mir.
Das Wesen zart, leise, unscheinbar und doch brennend wie ein Scheiterhaufen.
Neben ihr eine langjährige Freundin.
Ein erregend schwarzer Haarschopf wallte über die Lehne des Stuhls und berührte mit glänzend kastanienbraunen Spitzen mein rechtes Knie.

„Zur radioaktiven Materie meines Körpers
habe ich inzwischen ein sehr persönliches,
ja man kann sagen ein intimes Verhältnis, wie zu meinem Hund.
Ich spreche mit ihr
und sie antwortet inzwischen äußerst klug auf diese Anrede.“
Johan van der Leeuwen

Die Klavierspielerin schaute zweimal während des Abends zu mir. Vor und nach ihrem haltlosen Spiel. Still gejagt wandte der unberührte Körper seinen schmalen Kopf nach rechts, hin zur geschlossenen Eingangstür.

Die Netzhaut aber wollte mich.


„Er erzählt darin ganz kurz
von einem kleinen Mädchen in einem Flugzeug,
das eine Puppe neben sich sitzen hat und deren Kopf so dreht,
dass sie den Dichter ansehen kann.“
J.D.- Salinger


Die Sonatina aus dem Actus tragicus „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ konnte an diesem Abend nicht gespielt werden, so die Entschuldigung von Frau Khoteeva, da die Querflötistin eine Erkältung hatte.


„Für den Dichter erweisen sich alle wichtigen Dinge auf dieser Welt 
– nicht Leben und Tod vielleicht, das sind nur Worte,
sondern die wirklich wichtigen Dinge – als schön.“
J.D. Salinger


Eine Schönheit machte mit „The girl from Ipanema“ den Auftakt.
Leichtsinnig passierten die Klaviernoten durch den Saal.

Die jungen Asiaten meistern Bach mit spielerischer Arroganz und mit weißen Söckchen. Seit tausenden von Jahren wischen sie jedes Sandkorn von den Füssen des Kaisers. Viktor Su stolzierte erst nach mehrmaligem Rufen aus dem Foyer quer durch den kleinen Saal zum Steinwayflügel und rotzte wütend das Präludium wie Fuge fis-moll aus dem wohltemperierten Klavier.

Mit seinem Abgang drehte er die Welt für 5 Sekunden rückwärts.


„Es war, als stünde einem auf der anderen Seite des Netzes Mutter Kali gegenüber,
vielarmig und grinsend und ohne das geringste Interesse am Ergebnis“
J.D. Salinger


Der helle Konzertraum, halbgefüllt mit Eltern, Freunden und jungen Musikern, trug grelles, blassgelbes Schullicht an Wänden und Decken. Zwei Konzertflügel, einer glänzend, der andere matt, der eine links, der andere rechts von den bestuhlten Reihen, standen sich berührungslos gegenüber.


„Nachmittags trottete Curtis Caulfield mit Seymour und mir zum Central Park, und dort entdeckt ich, dass er den Ball warf, als hätte er zwei linke Hände – kurz gesagt, wie die meisten Mädchen werfen -, und ich sehe jetzt noch Seymours Gesicht vor mir, als ich wie ein Pferd, wie ein Hengst höhnisch wieherte. (Wie kann ich diese tiefenpsychologische Analyse wegerklären? Bin ich zum Feind übergelaufen? Sollte ich eine Praxis aufmachen?“
J.D. Salinger


Debussy ein Sonderling. Freiklassik. Meine verschränkten Arme senkten sich, gingen auf den Schenkeln nieder, gaben den Brustraum der Herzmaterie für die hereinstürmenden Photonen frei.

Huyung-Kyung Yi erquickte die Hörenden, belebte die Eingänge zum kaiserlichen Palast mit Himmelswasser. Mit den Tropfen der Keuschheit wischte sie die verstaubte Aussicht der Erwachsenen frei. Keine Sünde, keinen Tod. Überall nur Sonne. Chopin Nr. 15 Sostenuto Des-Dur.


„Denn ich fühle mich, wenn auch mild,
so doch ausreichend verbrannt“
J.D. Salinger


Endlich sie.
Schmal, wütend und allein.
Das Ich in mir senkt den Blick, schließt die Augen.
Totenstille.
Einen Augenblick begehre ich auf, denke. Doch dann entlasse ich die vorlauten Minister.
Schließe die Tore zum Palast.
Äonen keinen Laut.
Welch ein Wunder.
Materie, aus dem großen Schlaf erwacht.
Das Allegretto.
Schwerelos.
Dann der kleine Fehler.
Sie errötet.
Mit ihm wischt sie im Andante die ersten Silhouetten bewusster Materie in den noch mentallosen Stein.
Ein phantastischer Fehler.


“Lös die Schweiz in dir auf“
M. McIron

Die weiße Spange in ihrem Mondhaar sah ich zuerst.
Dann den Blumenrock, der ihr über die Knie reichte. 
Die schwarzen Schuhe waren an den Fersen offen. Weiße Söckchen im Kaiserpalast.
Bambus im Pazifikwind. 
Beethoven in den Reisfeldern.
Alles im Saal leuchtete heimwärts.
Konzert C Dur op.15. 1. Satz Allegro con brio.

„Sie trug ein gelbes Baumwollkleid, das ich liebte,
weil es zu lang für sie war.“
J.D. Salinger


Unten im Foyer hing eine Ausstellung von ihr und ihr.
„Piano Inside – A Mystical Ride”



© 2008  by J.G: aus der Erzählung “Schlamm des Lotos”

u zlateho tygra

„Im engen Kreis der Taugenichtse, Rückkehrern, Pilzsammlern Sternendeuter und dem Slowaken, der mit der Pistole unter der Jacke, stippte er ...