„die evolution der primaten
wird einen höflichen knicks
im stammbaum machen
und bei der premiere wie von sinnen
strahlend nach vorne zur bühne stürzen“
© 2011 by J. G:
totes brodeln
einer ätzend schillernden oberfläche
die über äonen
gelbstinkend
einen mond anglotzt
unter laternen
üben
zu werden
was wir schon vor allem sind
physisch bewusst
© 2026 by J. G:
Das Poem fällt
Im NU
Auf´s Blatt
Briefe
mein geliebter
ich vermisse dich sehr
lachend bist du fort
ich blieb allein im leeren foyer
in dieser stille floss noch einmal das warme oel deiner silben
über meine heiligen hügel
meine hände lösen sich vom lenkrad,
ja, jetzt
jetzt, wo ich dir diese worte schreibe
reißt meine gegerbte haut
der silhouette sprung aus der mächtigen nacht
zeichnet einen hellen bogen
sehe noch einmal
wie der sichelmond in meinen wassern tanzt
fühle
wie du mit deinen schwarzen hände
das junge salz
aus meiner quelle schöpfst
© 2008 by J. G:
„Im engen Kreis der Taugenichtse, Rückkehrern, Pilzsammlern Sternendeuter und dem Slowaken, der mit der Pistole unter der Jacke, stippte er mir einmal im Jahr um die Mittagsstunde ins Öhrchen, so wie er am Morgen in der Früh neben seinen Katzen sein süßes Brot in den vollen Becher Kaffee tunkt, er sei ein bedeutungsloser Sklave des Unendlichen.
Jeden Tag werde er geköpft, jeden zweiten stehe er von den Toten auf und einmal in der Woche fahre er gen Himmel. Einmal im Monat gibt es ein stilles Fest der Verkündigung, pro Quartal werde er sogar heimgesucht vom heiligen Geist, jeden zweiten, manchmal dritten Tag werde er gefoltert und sogleich selig gesprochen.
Wenn wir uns dann in der Schenke zum goldenen Tiger mit den anderen in der Runde trafen, nahm er im Lärm des Wirtshauses seine Lippen von meinem Ohr und schaute mir direkt hinter den Frontallappen und behauptete mit dem fünften Glas Pivo, jetzt erst sei er übernatürlich nüchtern.
Er sagte, alles sei eine einzige Wirklichkeit, eine aus dem Teilchenbeschleuniger, ein nichtauffindbarer Beweis, dass er ein Geschöpf des Göttlichen sei.
Vaclav, der Ingenieur, der seit zwei Jahren im Altersheim wohnt, saß immer rechts neben ihm am Tischende mit seiner blechernen Brotdose, stieß ihn bei dem Wort „Geschöpf“, wenn er es dann hörte, mit dem Ellenbogen leicht in die Rippen, nahm einen Pfifferling heraus und sagte, schau, dieser hier, den habe ich heute Morgen im Wald gesammelt, schau sie dir alle an, alle ohne Fehler, alle gepflückt, so wie du.“
© 2014 by J. G:
Die Klavierspielerin schaute zweimal während des Abends zu mir. Vor und nach ihrem haltlosen Spiel. Still gejagt wandte der unberührte Körper seinen schmalen Kopf nach rechts, hin zur geschlossenen Eingangstür.
Die Netzhaut aber wollte mich.
Die Sonatina aus dem Actus tragicus „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ konnte an diesem Abend nicht gespielt werden, so die Entschuldigung von Frau Khoteeva, da die Querflötistin eine Erkältung hatte.
Eine Schönheit machte mit „The girl from Ipanema“ den Auftakt.
Leichtsinnig passierten die Klaviernoten durch den Saal.
Die jungen Asiaten meistern Bach mit spielerischer Arroganz und mit weißen Söckchen. Seit tausenden von Jahren wischen sie jedes Sandkorn von den Füssen des Kaisers. Viktor Su stolzierte erst nach mehrmaligem Rufen aus dem Foyer quer durch den kleinen Saal zum Steinwayflügel und rotzte wütend das Präludium wie Fuge fis-moll aus dem wohltemperierten Klavier.
Mit seinem Abgang drehte er die Welt für 5 Sekunden rückwärts.
Der helle Konzertraum, halbgefüllt mit Eltern, Freunden und jungen Musikern, trug grelles, blassgelbes Schullicht an Wänden und Decken. Zwei Konzertflügel, einer glänzend, der andere matt, der eine links, der andere rechts von den bestuhlten Reihen, standen sich berührungslos gegenüber.
Debussy ein Sonderling. Freiklassik. Meine verschränkten Arme senkten sich, gingen auf den Schenkeln nieder, gaben den Brustraum der Herzmaterie für die hereinstürmenden Photonen frei.
Huyung-Kyung Yi erquickte die Hörenden, belebte die Eingänge zum kaiserlichen Palast mit Himmelswasser. Mit den Tropfen der Keuschheit wischte sie die verstaubte Aussicht der Erwachsenen frei. Keine Sünde, keinen Tod. Überall nur Sonne. Chopin Nr. 15 Sostenuto Des-Dur.
Endlich sie.
Schmal, wütend und allein.
Das Ich in mir senkt den Blick, schließt die Augen.
Totenstille.
Einen Augenblick begehre ich auf, denke. Doch dann entlasse ich die vorlauten Minister.
Schließe die Tore zum Palast.
Äonen keinen Laut.
Welch ein Wunder.
Materie, aus dem großen Schlaf erwacht.
Das Allegretto.
Schwerelos.
Dann der kleine Fehler.
Sie errötet.
Mit ihm wischt sie im Andante die ersten Silhouetten bewusster Materie in den noch mentallosen Stein.
Ein phantastischer Fehler.
Unten im Foyer hing eine Ausstellung von ihr und ihr.
„Piano Inside – A Mystical Ride”
„die evolution der primaten wird einen höflichen knicks im stammbaum machen und bei der premiere wie von sinnen strahlend nach vorne zur ...