Donnerstag, 31. Januar 2008

hier...

... bin ich unter Menschen,
dort müssen sie immer nur arbeiten“
Nomadin in Oman

liebe auf papier


in der
großen rhythmischen nacht
liebe ich dich
a jour
lasse los
das alte lied der erde

am morgen
unter dem gelben mond
am fluss der worte
wendet sich alles
riesenhaft
empor
J.G:

in unserer zeit

in der alles technologisch strahlt
herz und hirn verfinstert
am baum der erkenntnis die frucht reif ist
für das helle wort der materie
mit dem der sänger
die strahlende hochzeit
aus dem ersten festzelt des kosmos
im leib von myriaden zellen
mit der flimmernden silbe
aufhebt
und niederschreibt
J.G:


„Die Wirkung radioaktiver Partikel auf den menschlichen Körper, über die man im Jahre 1959 so viel geredet hat, sind alten Liebhabern von Dichtung gar nichts Neues.“ J.D. Salinger


der flug des flamingo

"Es ist egal, ob die Vorschrift aus dem Amt kommt, das Gebot von der Kanzel oder die Nachricht über einen elektrischen Apparat. Im hellen Haus der weiten Welt erholt sich das ich und alles andere von den engen Fluren und schäbigen Klassenzimmern.

Der ganze zivilisierte Irrsinn bereitet mir Kopfweh und mein heller Körper verlangt, diesen alten Rotz loszuwerden.

Mit all der beglaubigten Zuversicht, mit all der nützlichen Anstrengung, mit all dem vermögenden Versagen, mit all der glückseligen Freude, mit all der lohnenden Mühe und mit all den matten und glänzenden Speichen in dem kleinen Räderwerk der Freiheitsliebe, will die kosmische Provinz befahren sein, damit die weite Welt gehört und gesehen wird und das Unfassbare endlich in uns passieren kann.

All dies soll geschehen, bevor Krankheit, Dummheit oder irgendein idiotischer Unfall mich niederstrecken und ich, ohne das das Licht der weiten Welt je meine Augen passiert hat, mir im andächtigen Niedersenken des kleinen schwarzen Kästchens in die braune Erde, mit allen Ehren der Nachrede die Tapferkeitsmedalie der kriegsversehrten Unwissenheit auf der kalten Brust das noch warme Herz verschließt.

Am Nachmittag lese ich im Buch der Taugenichts und Nachtigallen, von all den Heines und Hölders, die mit dem halbwüchsigen Strich reiner Flammenzungen die eiserne Flinte des monetären Gebets frech, fromm und frei zu Spazierstöcken und Zinnen einschmolzen.

Während die staatlichen Pulverrohre bereits mit Bleikugeln gefüllt auf die schwarz-rot-goldenen Fahnen angelegt wurden und die beauftragten Kirchenregimenter freiheitsgläubig aufblickende Mägde, Bauernsöhne, Handwerker, Studenten mit ihren Litaneien schuldigst in die gefräßigen Mäuler des Fegefeuers trieben, hoben die klammen Dichter den feudalen Koloss des Grundeigentums an Leib und Leben mit ihren leichtschürzigen Versen aus den hochwohlgeborenen Scharnieren. Für das freigesinnte Volk beurkundeten sie aufs Trefflichste, dass es wahr ist, dass der liebende Vers im Innersten den eisernen Ring der Sterblichkeit löst und das so in Angst und Schrecken gehaltene Herz freigibt für das Wiegen im Unendlichen.

Durch das Glas des Wintergartens schaue ich hin zu meinem privaten Horizont. Still drehe ich mich an diesem Nachmittag mit meinem Heimatplaneten um das Zentralgestirn. So sitze ich bis zur Dämmerung einfach nur da und versuche meine elektrisch beladenen Elektronen nach dem Lesen der Verse in einen gute Umlaufbahn zu bringen. Als die Welt an diesem Abend beginnt ihre Farbe zu verlieren, durchschweift ein zarter Strom, ein flimmernder Hauch meine Zellen und eine stille Widerstandslosigkeit, eine wunderbar kindliche Passivität erwacht in mir, die das Restlicht aus dem Innenhof des Universums masselos in mir passieren lässt.

Ich langte in meine linke Hosentasche und holte einen kleinen, zerknüllten Zettel hervor, hielt ihn in meinen Händen, drehte ihn mit Daumen und Zeigefinger beider Hände hin und her und je länger ich ihn hin und her drehte, mal mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, mal mit der linken, bemerkte ich, wie in der langen Weile des Abends Punkt, Komma, Strich und alles ich verschwand.

Von dem, was da vor sich ging verwundert, drehte sich der Zettel in meinen Händen weiter in den Abend hinein und im gewichtslosen Drehen erhob sich in mir aus dem Nichts ein Berg ungeheurer Ahnung.

Der kleine Zettel hatte seit den Nachmittagsstunden in meinen Händen die Form einer kleinen, weißen Wolkenmurmel angenommen, die ich aus der Abgeschiedenheit des Nachmittags, ohne das es die Astronomen auf ihren Hügeln und an ihren Fernrohren auffiel, heimlich auf eine Sonnenbahn schob.

Im Drehen und immer wieder nochmaligen Drehen flammten plötzlich Zeichen auf, die aus dem Inneren des Zettels in den Raum schwebten und wie von Zauberhand wieder verschwanden. Zeichen, die keine Zeichen waren, so wie wir sie in den Schulen lernen, keine auf weißem Papier nieder geschriebene Buchstaben. Bei aller Liebesmüh ergab das in diesem Augenblick passierte keinen Sinn für meinen kleinen Spiegel des Verstandes und auch durch das beschauliche Drehen des Zettels kam mir kein bekanntes Schriftstück aus dem Denkmal der Welt entgegen.

An diesem Nachmittag wurde ich Zeuge eines beispiellosem Schauspiels, das sich nicht mit dem mir bekannten Alphabet erzählen lässt. Es waren Zeichen, die sich wie der weiße Zettel in meiner Hand nicht nur drehten, sondern, die wie Funken aus dem Nichts zittrig hell hervorsprangen und ehe ich sie mit dem Alphabet meiner Schulbildung freudig ergreifen und in den zivilen Kanon des Homo Sapiens einordnen konnte, verschwanden sie auch schon wieder, um in anderer Gestalt, an einem anderen Ort des nahen Raumes wieder Zeichen gebend kurz aufzuflammen, um sogleich wieder direkt vor mir in einer unerreichbaren Ferne zu verschwinden. Dabei handelte es sich eher um einen seltsam anmutenden himmelwärts fallenden Flug kleiner Funken, die sich erhobenen Hauptes jubelnd in die Glut eines zügellosen Brandes wie Milliarden Mücken bei einem Hochzeitstanz in das flachsrote Licht der Abendsonne stürzten.

Die noch junge Ausgabe meines irdischen Hirnkastens versuchte vergeblich die Grammatik des Hochzeitsfestes zu lesen, versuchte den mysteriösen Vorgang zu verstehen, doch all die von den Bäumen der Primaten geschüttelte Weisheit, all die über die Generation erlaufenen Disteln, Stacheln, Dornen, Rosen und Magisterarbeiten an Füssen und in den Händen, all die im Kampf ums Überleben Erschlagenen, all das anstellig auf der Schulbank verordnete Lesen und Schreiben, all die in den lichtlosen Nächten studierten Litaneien der Gebeine, all die präzisen Analysen und ihr immer um ein Schlag zu spät kommendes Uhrwerk, dieses gigantische Konsortium an gelehriger Schulweisheit und mechanischer Betriebsanleitung, reichte in diesen Abendstunden nicht aus, um das, was mich so herrlich passierte, wahrzunehmen.

Mit den letzten Strahlen des Tages erhob mich das Licht des sich neigenden Tages in einen Flug der Flamingos. Mit dem seichten Schwingen der auf und nieder kehrenden Flügel wendete ich mich von dem Übel des Verstehens ab, erhob mich mit den anderen Vögeln aus der Salzwüste der Erinnerung und drehte über der Erde die kleine Wolke zwischen Daumen und Zeigefinger sanft wie ein gelangweilter Kaiser weiter hin und her." J.G:

Mittwoch, 30. Januar 2008

und du


ziehst du vorbei an homer
vorbei an columbus
vorbei am diabetiker rilke
und alle den schwergescheiten
und still geweinten
ziehst du vorbei
an all den namen und zahlen der jahrhunderte

mein könig
es ist zeit einen mantel zu tragen
aus der metropole zu fliehen wird nicht einfach sein
die grenzen sind bereits geschlossen und
mit doppelter bewachung versehen
der behämmerung der rasenden stadt
ihren verflucht günstigen krediten
und all den quoten und talktürmen
entfliehen wir am besten zu dieser frühen stunde

in solcher zeit bewahrt uns kein grundsatz
vor verfall und mordbanden
in solchen zeiten des irrsinns, mein könig
schwärze ich mir zum schutz gesicht und meine nackten füße
ziehe damit grundlos vorbei und hinunter
nah heran
und dann weiter

dann hocke ich so wie damals
dicht am geschichtslosen feuerrand
neben mir der wuchtige arthur rimbaud
immer noch ein frühreifer
nach monsieur izambart
ein jähzorniger, brutaler kerl
mit derben fäusten

mit diesen fäusten
schlägt er noch heute jedwedem erbe
eins in die fresse

aus der hosentasche
kramte der afrikanische waffenschieber damals
ein stückchen käsepapier
le bateau ivre
o du mein trunkener kahn
rotzte er in das zerrissene lager

alles fiebrig
und noch immer unfruchtbar für alles seßhafte geschreibsel

so stocherte er mit seinen kurzen fingern
ein stück hartkäse aus dem papier
schob es hungrig in den mund
den schmierigen zettel
stopfte er mir in die rechte hand

ich merkte wie meine augen
hinter zwei schmalen sicheln versanken
an die brandung damit
stieß er in seiner schwindsucht hervor
dann siehst du die millionen goldener fische

ein verknülltes stück papier hielt meine hände
es roch nach fett, licht und ziegenkäse
na los, mach schon
oder willst du warten bis die diebischen augen alles verderben

ich strich das papier auf meinen knien glatt
hielt es hoch
höher
höher
fluchte er
schräg verdammt
da
sieh doch

mühsam hockte er vornüber
schlug dabei beide fäuste in das faule wasser

was hielten damals meine hände, mein könig
was sah ich

ich sah hindurch
das erinnere ich noch gut
durch alles hindurch

seltsam
heute
ja heute
vor meiner flucht aus der großen stadt
kommt es mir so vor
als hätte ich nach unten gesehen
so wie man in eine hafenpfütze schaut
darin den himmel und eine halbe laterne erblickt
J.G:

Sonntag, 27. Januar 2008

an keinem ort

Nach einer Woche der Genesung, viel Schlaf, abends meist Schwarzbrot mit Butter und einem Apfel, viel Tee und Wasser, viel Arbeit im Labor und einem roten Faden vom Indianer, sitze ich im Kaminzimmer bei gedämpftem Licht und versuche mich mit dem Alphabet zu orten.


„An keinem Ort“

Buchstaben wohnen hier nicht.

Links von mir, mit einem kleinen Schwenk des Kopfes, blättern meine analphabetisierten Sinne nichtsnutzig in meinem Bücherregal. Dort, rechts in der Ecke, auf einer Höhe von vielleicht 40 cm, zwischen einem Tagebuch und Shiva Moon, steckt das tibetische Buch vom Leben und Sterben. Vor Jahren habe ich die gebundene Ausgabe von meinem Freund aus Thüringen entliehen. Seit dieser spirituellen Entführung von Thüringen nach Hamburg führt dieses 500 Seiten Werk ein Einsiedlerdasein bei mir. Ein paar Mal habe ich es wohl in der Hand gehalten, doch im Grunde konnte ich damit nie so recht etwas anfangen. Jetzt in dieser Stunde, in diesem schwebenden Zustand „an keinem Ort“ zu sein, greife ich zu diesem Buch und schlage das Kapitel „Das wunscherfüllende Juwel“.

Ich Lese:
„Alles Negative, das wir jemals gedacht oder getan haben, ist letztlich auf unser Greifen nach einem falschen Ich zurückzuführen, das wir hegen und pflegen, … Alle negativen Gedanken, Emotionen, Begierden und Handlungen, …, werden vom Greifen nach einem Ich und von der Selbstsucht erzeugt.“


„Wenn alles Unheil
alle Angst und alles Leiden dieser Welt
vom festhalten an einem Ich herrührt
wozu brauche ich dann noch diesen großen bösen Geist“ Shantideva


In Tibet soll es viele außergewöhnliche Fälle von Selbstheilung gegeben haben, die mit der Aufgabe des Besitzes in einem engen Zusammenhang stehen. So sollen Menschen, die unheilbar krank waren, ihren gesamten Besitz verschenkt haben. Nach dem der persönliche Besitz „hingegeben war“ gingen sie zum Friedhof, um ihren Tod zu erwarten. Dort, am Rande des Lebens, dort, vor den Gräbern begannen sie sich zu lösen von ihrem Ich und dehnten sich voller Mitgefühl in das Leid der Welt aus. Anstatt zu sterben, geschah es manchmal, dass die Sterbewilligen geheilt von ihrer Selbstsucht heimgingen und sich eine Suppe kochten.


„Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,
Sie träufelt wie des Himmels milder Regen
Zur Erde unter ihr, zwiefach gesegnet,
Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt…“
Porzia in Shakespeares Kaufmann von Venedig

Ich klappe das Buch zu und stelle es wieder an seinen alten Platz.

Tage später lerne ich meine Lektion.
Ich kaufe einen Weihnachtsbaum, anstatt nur davon zu reden.

Eine Unterweisung, die es mit jedem Zenkloster aufnehmen kann.
In den kargen Stuben wird den Novizen das Selbst in Reinlichkeit, Achtsamkeit und Mitgefühl gelehrt, nicht nur für das eigene, sondern für alles Leben, dass das ureigene ist.

Ich erinnere mich an eine kleine Geschichte, die ich vor Jahren in einem kleinen, blauen Büchlein gelesen hatte. Ein Novize rennt nach einem Jahr der Meditation freudetrunken über den Flur eines Klosters, klopft am Ende des Flurs an eine Tür, betritt mit einem zufriedenen Gesicht das Zimmer seines Meisters, der seitlich am Fenster steht und hinaus schaut. „Meister“, sagt er ohne abzuwarten, „Meister, jetzt, nach einem Jahr des Sitzens, so wie du es mich gelehrt hast, habe ich des Rätsels Lösung endlich gefunden, endlich weiß ich es.“ Der Meister sah bei den freudig beflügelten Worten des Novizen immer noch aus dem Fenster. Für einen kurzen Moment herrschte Stille im Raum, dann drehte der Meister sich zu seinem Novizen und sagte: „Was für eine Blume steht im Flur auf dem Fensterbrett?“

Ein weiteres Jahr des Sitzens folgte für den Novizen.

So sitze ich im Wintergarten und höre wie Regen auf das Glasdach fällt. In der rechten Hand halte ich meinen grünen Füller, drehe ihn wie eine Gebetskette zwischen Daumen und Zeigefinger endlos hin und her.

Alles was ich bislang gelebt, erdacht und schriftlich verfasst habe, erscheint mir an diesem Regentag im Dezember, einen Tag vor der Jahrswende, wie die Pflichtgebote des Novizen, die die sehnsüchtig erwünschte Aufnahme in den Orden vorbereiten. Die tausend und abertausende Worte der Jahreszeiten, all die silbernen Boote mit ihren glanzvollen Namen, gleiten im flirrenden Licht der großen Wasser dahin. Ich sehe sie kommen, sehe ihren Scherenschnitt, sehe sie fahren. Mit dem Knarzen der Riemen, dem Rufen der Bootsführer, dem Schlagen der Flügel, dem Begehren der Ufer, löst sich die uralte Tinte aus meiner Feder. Der schwarze Jenseitsstrich auf weißen Grund.

Nach ein paar Stunden kehre ich zurück an den Tisch, erinnere das Geschehen aus meinen atmenden Körperzellen, schreibe alles nieder, zeichne in einem hellen Auf und Ab Linien und Striche. In den kommenden Tagen sehe ich die Niederschrift mehrmals an, immer wieder halte ich sie in meinen Händen, bin verwundert über die Fluchtlinien am Horizont des Alphabets, die mir nicht wie geordnete Reihen von Buchstaben vorkommen, sondern wie ein Kassiber, das mir den Plan zum Ausbruch aus meinem Verlies durchreicht.

Nach Tagen nahm ich die Aufzeichnungen abermals vor, um Änderungen vorzunehmen. Dabei sah ich, als ich die Schriftzeichen erneut in den Händen hielt, dass sie mit mir spielten wie ein Kind im Garten. Die Worte, die mir etwas bedeuteten, die den Klang einer silbernen Münze auf einem Marmortisch hatten, entschwanden wie aufsteigender Rauch über einem sibirischen Dorf, und Worte, von denen ich glaubte, sie gäbe es nicht, niemals, sie wären auf ewig meiner Kehle verschlossen, dafür würde ich, auch wenn ich tausend Jahren leben würde, nie eine Silbe in meinem Liebesgrund finden, wurden mir aus dem sich öffnenden Augenlid eines Neugeborenen wissend zugeworfen.

Licht ist da. Der Tag beginnt." J.G:

verbotene Früchte




„Die Tage verlassen den Sonnenweg,
auf den Sandwegen
schwindeln die Odeurs“


Am Samstag fuhr ich musikalisch in den jungen Abendhimmel.


Die staatliche Jugendmusikschule hatte geladen und junge Musiker erhoben mit Notierungen Schuberts, Debussys, Bachs, Chopins, Schostakovitschs, Beethovens, Brahms das Ansehen der Erde.

Die Tochter meines Freundes war vorgesehen für die „drei Phantastischen Tänze“ von Schostakovitsch. Eine atemberaubende Rhythmik, wie sich herausstellen sollte. Nicht fließend, sondern ein aus aufbegehrenden Leibern fassungsloses Meer.

Beim Allegretto stolpert sie, fängt sich aber wieder und spielt den Tanz mit Bravour aus.

Sie, das junge Weib, eine Frühgeburt.
Lebendiges Gemälde, eine Reihe vor mir.
Das Wesen zart, leise, unscheinbar und doch brennend wie ein Scheiterhaufen.
Neben ihr eine langjährige Freundin.
Ein erregend schwarzer Haarschopf wallte über die Lehne des Stuhls und berührte mit glänzend kastanienbraunen Spitzen mein rechtes Knie.


„Zur Materie meines Körpers
habe ich inzwischen ein sehr persönliches,
ja man kann sagen ein intimes Verhältnis, wie zu meinem Hund.
Ich spreche mit ihr
und sie antwortet inzwischen äußerst klug auf diese Anrede.“
Johan van der Loewen


Die Klavierspielerin schaute zweimal während des Abends zu mir. Vor und nach ihrem haltlosen Spiel. Still gejagt wandte der unberührte Körper seinen schmalen Kopf nach rechts, hin zur geschlossenen Eingangstür.

Die Netzhaut aber wollte mich.


„Er erzählt darin ganz kurz
von einem kleinen Mädchen in einem Flugzeug,
das eine Puppe neben sich sitzen hat und deren Kopf so dreht,
dass sie den Dichter ansehen kann.“
J.D.- Salinger


Die Sonatina aus dem Actus tragicus „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ konnte an diesem Abend nicht gespielt werden, so die Entschuldigung von Frau Khoteeva, da die Querflötistin eine Erkältung hatte.


„Für den Dichter erweisen sich alle wichtigen Dinge auf dieser Welt – nicht Leben und Tod vielleicht, das sind nur Worte,
sondern die wirklich wichtigen Dinge – als schön.“
J.D. Salinger


Eine Schönheit machte mit „The girl from Ipanema“ den Auftakt.
Leichtsinnig passierten mich die Klaviernoten.

Die jungen Asiaten meistern Bach mit spielerischer Arroganz und mit weißen Söckchen. Seit tausenden von Jahren wischen sie jedes Sandkorn von den Füssen des Kaisers. Viktor Su stolzierte erst nach mehrmaligem Rufen aus dem Foyer quer durch den kleinen Saal zum Steinwayflügel und rotzte wütend das Präludium wie Fuge fis-moll aus dem wohltemperierten Klavier.

Mit seinem Abgang drehte er die Welt für 5 Sekunden rückwärts.


„Es war, als stünde einem auf der anderen Seite des Netzes Mutter Kali gegenüber, vielarmig und grinsend und ohne das geringste Interesse am Ergebnis“
J.D. Salinger


Der helle Konzertraum, halbgefüllt mit Eltern, Freunden und jungen Musikern, trug grelles, blassgelbes Schullicht an Wänden und Decken. Zwei Konzertflügel, einer glänzend, der andere matt, der eine links, der andere rechts von den bestuhlten Reihen, standen sich berührungslos gegenüber.


„Nachmittags trottete Curtis Caulfield mit Seymour und mir zum Central Park, und dort entdeckt ich, dass er den Ball warf, als hätte er zwei linke Hände – kurz gesagt, wie die meisten Mädchen werfen -, und ich sehe jetzt noch Seymours Gesicht vor mir, als ich wie ein Pferd, wie ein Hengst höhnisch wieherte. (Wie kann ich diese tiefenpsychologische Analyse wegerklären? Bin ich zum Feind übergelaufen? Sollte ich eine Praxis aufmachen?“
J.D. Salinger


Debussy ein Sonderling. Freiklassik. Meine verschränkten Arme senkten sich, gingen auf den Schenkeln nieder, gaben den Brustraum der Herzmaterie für die hereinstürmenden Photonen frei.

Huyung-Kyung Yi erquickte die Hörenden, belebte die Eingänge zum kaiserlichen Palast mit Himmelswasser. Mit den Tropfen der Keuschheit wischte sie die verstaubte Aussicht der Erwachsenen frei. Keine Sünde, keinen Tod. Überall nur noch Sonne. Chopin Nr. 15 Sostenuto Des-Dur.


„Denn ich fühle mich, wenn auch mild,
so doch ausreichend verbrannt“
J.D. Salinger


Endlich sie.
Schmal, wütend und allein.
Das Ich in mir senkt den Blick, schließt die Augen.
Totenstille.
Einen Augenblick begehre ich auf, denke. Doch dann entlasse ich die vorlauten Minister.
Schließe die Tore zum Palast.
Äonen keinen Laut.
Welch ein Wunder.
Materie, aus dem Inneren hell erwacht.
Dann das Allegretto.
Schwerelos.
Dann der kleine Fehler.
Sie errötet.
Mit ihm wischt sie im Andante die ersten Silhouetten bewusster Materie in den noch mentallosen Stein.
Ein phantastischer Fehler.


“Lös die Schweiz in dir auf“
M. McIron


Die weiße Spange in ihrem Mondhaar sah ich zuerst.
Dann den Blumenrock, der ihr über die Knie reichte. Die schwarzen Schuhe waren an den Fersen offen. Weiße Söckchen im Kaiserpalast. Bambus im Pazifikwind. Beethoven in den Reisfeldern. Alles im Saal leuchtete heimwärts.
Konzert C Dur op.15. 1. Satz Allegro con brio.


„Sie trug ein gelbes Baumwollkleid, das ich liebte,
weil es zu lang für sie war.“
J.D. Salinger


Unten im Foyer hing eine Ausstellung von ihr und ihr.
„Piano Inside – A Mystical Ride”

© J.G: aus der Erzählung “Schlamm des Lotos”

Samstag, 26. Januar 2008

leibhaftig


"Im Tag der Wachtraum.

Am Tisch mit drei Freunden.
Ich glaube, wir scherzten.
Auf dem Tisch lag ein Hut. Irgendwie.
Ich setzte meinem Freund, der mir gegenüber saß, den Hut auf, ohne den Hut anzufassen.
Aufgehoben. Aufgesetzt.
Alles ohne Kreuz, Bombengürtel und lila Rock.
Es war der gleiche Vorgang wie bei meinem Traum im letzten Sommer, nur das ich da selbst abhob. Da war ich noch allein. Jetzt war ich zu dritt.
Grandios. Ein Schritt nach oben.

Eingeschlafen bin ich am Abend allerdings mit einem ganz anderen Bild.
Zwei NULLEN bilden eine Einheit, also einsNull + einsNull = einsNull, so wie zwei Eheringe übereinander eine Einheit bilden. Von oben teilnehmend betrachtet, einer integralen Ansicht, sind die beiden Ringe also NULL, deckungsgleich, eins.
Mental sind sie zwei. Integral einsNull.
Alles im Universum existiert zweimal.
Zweifach eins.
In der einsNull Information wird offensichtlich das materielle Universum in seiner Teilung aufgehoben, bildet ansteigend ein neues Ereignisfeld von Materie.

Einmal.
Zweimal.
Mensch.

Dieser ganze Hokospokus verleiht Materie und Homo Sapiens einen hinreißenden Spin, einen ungesehenen Dreh, eine anmutig Bewegung, die aus dem nur materiellen Universum flieht, sich sehnsüchtig nach Leben, Mensch und Gott ausdehnt, hinüber und hinein in ein weiblich aufgeladenen Kosmos. Herrlich.

Beide Träume, der Tag_ und der Nachttraum, gingen im Einschlafen zum Traualtar. Als geladener Hochzeitsgast bemerkte ich nach einiger Zeit an mir sonderbares, ich wurde im flimmernden Einsinken in den Schlaf fluid, flüssig.

Dann schlief ich ein.

Dann begann der Traum.

Frühes aufwachen, ich hatte frei.

Meine allererste Handlung, noch mit Schlaf in den Augen, ich steckte mehrmals die Finger meiner rechten Hand in die Wand, wollte sehen, ob es schon funktioniert.

Es ging noch nicht.

Doch ich konnte jetzt alles wahrnehmen.

Dann stand ich auf.

Am Nachmittag gab es ein Rendesvouz mit einer alten Freundin.

Wir waren für gut eine Stunde in der Kunsthalle.
„Goldgrund und Himmelslicht“ hieß die Vorstellung.

Eine Bildergalerie des späten Mittelalters war im Museum aufgebaut.

Leider hat die Ausstellung selbst enttäuscht.
Bis auf den Titel. Der war exzellent gewählt.
Die akademische Anordnung im Raum hat der bewussten Lebensmaterie wieder mal nicht den Hauch einer Chance gelassen. Alles stand und hing völlig verkehrt, sodass der Homo Sapiens noch weitere 2 Millionen Jahre elendig auf seine Menschwerdung warten und aus dem kargen Wartesaal seines kleinen Denkkästchens wie ein Primat „Goldgrund und Himmelslicht“ anglotzen muss.

Da war ich doch froh, als ich im Gang zum Cafe eine Replik „Goldfisch im Wasser“ von Max Ernst sah.

Warum erzähle ich eigentlich diesen ganzen Unsinn von Tag- und Wachtraum, von einsNull und levitierendem Hut?

Meine alte Freundin sagte im Aufbruch dann später zu mir, ich sei ein richtiger „Festkörper“ geworden." J.G:

Donnerstag, 24. Januar 2008

die helle münze

„Alles fällt ins Licht.“
M. McIron

Gott teilte Abraham, dem Vater aller Väter, seinen Willen mit. So wurde es überliefert und mit schwarzen Zeichen auf weißem Grund niedergeschrieben. Auf diesem übernatürlichen Rockzipfel halten sich alle fest, nicht nur Moslems, sondern auch Juden und Christen. Die Familie Abrahams teilte sich danach in Flüsse und Landschaften von Generationen. Die Söhne und Töchter gingen fortan eigene Wege. So wie es sein soll.

Nach Jahrhunderten der Zwietracht, der Missverständnisse, der Ausrottungsfeldzüge, der Zanks, aber auch des zeitlich begrenzten Einvernehmens, sitzen sie wieder oder immer noch an einem Tisch und kommen nicht voneinander los.

Sie alle haben in den vergangenen Jahrhunderten in religiösen Visionen, weltlichen Idealen, individuellen Wertvorstellungen und Offenbarungstexten versucht, die geflüsterte Überlieferung zu entschlüsseln und die Erbschaft des Erhörten durch die dunklen Schleier der Zwietracht zu tragen. Organisiert in staatlichen oder religiösen Unternehmen, waren sie fromm und frei angetreten, das Wort Gottes mit dem Siegel der Offenbarung fälschungssicher und profitabel zu übertragen.

Nun am Beginn des neuen Jahrtausends sitzen sie als heilige Verfechter des Wortes beieinander, jedoch nicht als Söhne und Töchter, nicht als Geschwister eines Zweiges am Stammbaum der Erkenntnis, sondern sie sitzen waffenstarrend als Feinde gegenüber, sichtbar für alle Welt, von Angesicht zu Angesicht.

Machen wir es kurz.

Der Islam sagt, keiner ist größer als Gott. Die Christen und die Juden jedoch glauben an den Messias, für die einen war er schon da, für die anderen kommt er erst noch, aber erst, wenn ihre Brüder und Feinde vom Tempelberg vertrieben sind, die, die da sagen, er kommt sowieso nicht, denn keiner ist größer als Gott. Und der kommt nie und nimmer, sagen sie, da könnt ihr lange warten, denn er ist und war schon immer da.

Und dann gibt es noch die Hindus, die geizen sowieso nicht mit Göttern, die haben gleich Millionen, für jeden Affen und jedes Sandkorn einen. Die Buddhisten halten sich aus dem Gemetzel um die Götter ganz heraus, züchten weder Glauben noch Götter, entschuldigen sich mitfühlend und höflich, entschwinden blinzelnd ins staubfreie Vakuum.

Gottes Sohn – ein Wesen nach seinem eigenen Bilde - wurde in der jüdisch-christlichen Tradition als Rettung der Welt erschaffen, ein Sinnbild für Erlösung aus dem Pfuhl der Nacht.

Dieses Bild kennt die Islamische Gemeinde nicht. Allah hat kein Ebenbild auf Erden. Das einzige Erlösungsbild, das die Familie der Muslime kennt, ist die freie Hingabe und Unterwerfung an Gott.

Ein sehr sensibler wie äußerst brutaler Vorgang, diese Hingabe an das Göttliche. In langen Reihen der Geburten des Homo Sapiens Sapiens selbstsüchtig angelegt, wirkt der Eifer hochexplosiv, verroht im Schrei von Schuld und Rache, im einfachen Menschen am Stammbaum der Evolution entfaltet die Begeisterung für das Erhabene seit Jahrhunderten ein Gefühl für das andere, das eigene, noch unbekannte Leben, wird aus der Tiefe der Raumes aufsteigend, aus dem Stift, der Farbe, dem Ton kreativ aufs Lebensblatt geworfen. Seltsam zweigeteilt.

Seit 1948 nun sind sie alle wieder einmal unmittelbare Nachbarn in der heiligen Stadt der Hingabe. Jerusalem. Nur einen Steinwurf von uns entfernt.

Die politischen Stromkabel aus aller Welt liegen dort als religiöse Versorgungsleitung zum Buch der Offenbarung hin offen und ohne Isolierung um den Tempelberg neben und untereinander, manchmal sogar deckungsgleich übereinander herum. Jeder kann diesen Ort als Reisender aufsuchen und für Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Jahre oder gar sein ganzen Leben unmittelbar an diesem explosiven wie kreativen Schauspiel teilnehmen.

Jeden Tag zeigt sich die radioaktive, zerfallsüchtige wie fusionsbegabte Kraft der Materie, die von diesem Dorf in alle Welt ausgeht.

Es sind nicht nur Bomben, die dort um den Leib geschnürt auf Marktplätzen und Wohnsiedlungen von Racheengeln gezündet werden und vor den Bahnhöfen und in den Wartesälen der Seele in Autobomben, Stadtbussen, Geheimdiensten und Verblendungen explodieren.

Ein weit zurückliegendes, weithin strahlendes Ereignis wirkt unmerklich wie himmelschreiend im gesamten Organismus der Erde.

Seit Jahrmillionen von Jahren.

Eintrag ins Quartheft:
Der Zerstörungskraft des Krieges ist nicht die Kraft, die den widerstreitenden Geist in der Lebensmaterie aufzulösen und friedlich beizulegen vermag.
Die Sänger, Handwerker, Nomaden und Sternendeuter haben den unerhörten Lichtsatz "tötet den Tod" poetisch an das menschliche Herz überliefert, ihn damit von außen nach innen verlagert, vom Überlebenskampf der tierischen Natur in den Aufwärtsgang der Menschwerdung. Die animalische Religion, das litaneienhafte Nachbeten wie die zwergenhafte Gesetzgebung, die den Tod als ewigen, unerbittlichen Erlass des Universums festschreibt, diese Schwarzschuld des Homo Sapiens Sapiens, hat den hellen Ton der stillen Post offensichtlich falsch vernommen und über die Jahrhundert in einer unbewussten Lebensorganisation von „tötet das Leben“ katastrophal wiedergegeben.

Das offene Geheimnis der Lebensmaterie wird sich zu Füßen der Berge und Flüsse erneut offenbaren, diesmal jedoch nicht für einen einzelnen, sondern öffentlich für alle, nicht als explosive, für den Menschen Elend und Leid bringende, sondern als schöpferische Kraft eines seelisch begabten Wesens, das Weib, das wir alle sind.

Eine poetische Kraft wird auf der Bühne des Lebens wirksam, eine Begabung, die den Konflikt der Unvereinbarkeit der Gegensätze helfen wird zu entschlüsseln, einen Streit, der sich Jahrtausende mit dem Mittel des Krieges, als Fortsetzung der Politik des Stärkeren, nicht lösen lies.

Ein poetisch, hinfälliges Wort wird es sein, ein altersschwacher, kaum zu vernehmender Laut aus dem Anfängen der Welt wird aus den Mündern fallen, ein kleines Lied aus dem Archaikum des kosmischen Vorfalls, eine glänzende Silbe, die aus dem strahlenden Ursprung des Geschehens, aus der Hochzeit, aus der Liebenden Umarmung von Materie und Geist Bewusstsein schöpfen und sich als kreative Quelle einer neuen Epoche sozialer wie wirtschaftlicher Prosperität erweisen wird.“

„Nimm teil am Unteilbaren. Schöpfe Mensch.“ J.G:

quantum poesis


Bewusstsein hat einen Körper, einen strahlenden Körper.



„Über die physisch bewusste Einverleibung
der psychischen Dimension
von Radioaktivität
in das zellulare Betriebssystem,
gelingt der helle Durchstieg von der Materie
über das biologische Leben hin zu einem bewussten Sein.“
Johan van der Loewen


Die Passage der unbewussten Lebensorganisation erfolgte bislang in Unkenntnis über die evolutionäre Bedeutung des mentalen Wirkungsgrades der supraschwachen Strahlung im Zellorganismus.

Privat wie öffentlich gab es bislang keine mathematische Gleichungsbrücke, die eine lebendige Passage, eine Kommunikation in den Strahlungswerten des Ursprungs, eine Passage zwischen Materie und Bewusstsein, möglich machte.

Diese Brücke ist nun in der kosmischen Einstrahlung, ihrem psychisch-mentalen Wirkungsgrad in der gesamten Lebensmaterie gefunden und in ihrem Bedeutungszusammenhang für den weiteren Fortgang der Evolution erkannt.


Dieser Wirkungsgrad ist durch die mechanische Elektrifizierung des Lebens in den letzten 200 Jahren mit ausgelöst und gleichsam rasant beschleunigt worden.

Der einfache Mensch wendet sich im ersten jungen Trieb am Baum der Erkenntnis bereits von dem zwanghaften Vorgang der mechanischen Elektrifizierung der Materie ab und kehrt sich dem bewussten Geschehen im Inneren, seinem ureigenen 100 Billionenfachen mentalen Lichtsatz, seiner eigenen Sonne im physischen Zellkörpers zu.

Dieses "quantum poesis" ist bereits im surpaphysischen Bildungsprozess der Atome und in einem übernatürlichen Stoffwechsel der Molekülketten historisch ausgelöst und in einer neuen Art von Homöostase wirksam.

Dieses Quantum bildet die mathematische Gleichungsbrücke, hebt die Trennung zwischen Himmel und Erde im Kopf meiner eigenen Spezies auf und vereinigt auf dieser Brücke die beiden Enden des Weltgeschehens, Bewusstsein und Materie, zu einem lebbaren Körper.

© J.G: aus „Casanova“

Mittwoch, 23. Januar 2008

radioaktives versmaß

O Flamme
Todloses Feuer
Aller Erden
Mächtiges Kind
Im großen Leib
Hier strahlst du
Millionentausendfach
In Allem ich
Leuchtest aus der Tiefe
Selig heimwärts
Masselos empor
Brennst herrlich
Weiblich alles nieder
Sterbliches zu Grunde
Tastest
Fühlst
Suchst
Willst
Physisch
Das Eine
Bewusst
In sich selbst
Unsterbliches
In allen
Körpern
Materie aus Materie
Göttlich
Neu erschaffen

comeback

In den Wäldern brach Unruhe aus. Ein schauriges Unwetter zog auf und in Minuten schüttelten die ersten Sturmböen die Herden der Primaten wie reife Früchte aus dem grünen Schutz der Riesenbäume. Ein nachtschwarzer Orkan zog hinter dem Horizont hitzköpfig seine Bahn und setzte mit einem gewaltigen Blitzgewitter in Sekunden den jungen Himmel in Brand.

In nur wenigen Augenblicken war ein ganzer Kontinent entwurzelt.

Ein dumpfer Schlag trifft mich mit der Wucht eines schlechten Axthiebes. In meinem Inneren reißt etwas auf, irgendwo, dort, wo seit Millionen von Jahren eine dünne Membran im Rhythmus der Gezeiten pocht, dort, am dunklen Saum der Welt, passiert ein heller Atemzug illegal den Grenzübergang.

Unter einem Blechdach bleibe ich liegen. Meine Affenhände stecken tief im Morast des Monsuns.

Eine gellende Stimme rammt mir das stumpfe Eisen noch tiefer in den humiden Körper.

„Mach dich auf immer weg hier, Gringo!“

Meine Tasche mit dem Fotoapparat und den Filmen, den Aufzeichnungen der langen Reise, das bisschen Bargeld wird mir wie ein Stück Fleisch hungrig aus dem Leib der Erinnerung gerissen.

Aus der sterblichen Hülle geschlagen mäandert der rote Lebenssaft in leuchtenden Rinnsalen in eine schwarzbraune Urlandschaft.

Umdrehen, ich versuche mich umzudrehen, nur noch umdrehen. Alles, nur um im letzten Augenblick des kleinen Lebens nackt und bloß in das Antlitz des Kommenden zu sehen.

Ich kippe flach ab.

Mein Gesicht schlägt in einem hässlichen Grunzen nach vorn, geköpft in die rostbraune Brühe. Der schwarze Schlund, der sich unter mir so elend auftut, verschlingt gierig mein über Millionen Jahre mühsam vergrößertes Affenhirn.

Im Fallen noch merke ich wie eine Horde tollwütiger Hyänen mit glühenden Kohlenaugen an dem Lichtsatz meiner Knochen nagt.

Endlich, das unermesslich elende Gefühl der inneren Teilnahme, die Dichtung des Universums.

Ich verschwinde.

Sinke ein, vorbei an Gott und all den anderen. Besiege in einer Atosekunde auf dem Olymp Neid und Hass und erobere an beiden Enden Liebe in der Finsternis. Erhaben richte ich mich auf dem Opferplatz auf, unendlich, gleich einem nubischen Obelisk aus rotem Granit.

Vor dem Krönungspalast schweben die schwerelosen Brüste der Antimaterie und der kosmische Arsch meines geliebten Kontinuums, jung, fest und unermesslich in meinen schwarzen Händen. Auf der Empore einer formlosen Macht erblicke ich das Pulsieren von 1000 Universen. Eine orgiastische Hymne an die Unsterblichkeit durchströmt das Vakuum meines Zellkörpers. Der strahlende Kuss der Materie, das vollkommene Teilen der Einheit, physisch bewusst vollbracht.

Montag, 21. Januar 2008

o happy day

"Meinem Bruder Piere,

wie das Leben, so beginnt auch das Schauspiel Willliams inmitten einer verderbten Welt, einer Metapher für die Unvollkommenheit der Materie wie auch der hinfälligen Natur des Menschen.

Die Handlungen zielen auf den Übergang von der Bühne der zwielichtigen Intrige der Verdammnis auf das Plateau des Viva. Das „Heil“ ist in alle Windesrichtungen bekannt als der Triumph der Loyalität und der Gerechtigkeit des Selbst. Das Theater wie das Leben hat indess mehrere Akte, so dass das bislang ungelüftete Phänomen der Zeit seine Wirkung im Wandel an Mensch und Dingen unmerklich wie wohltuend offenbaren kann.

Einerseits ist sie „missgestalt, der argen Nacht Genossin“ und „mordet all, was ist“, doch ihr Ruhm bleibt es „der Fürsten Streit zu schlichten“ ebenso wie sie „ dem Trug die Maske abreißt und ans Licht bringt die Wahrheit“.

Meinen Freund aus dem Schloss habe ich einmal gefragt, von dem die Japaner sagen, er sei selbst eine Inkarnation, ob er einen König oder Kaiser kenne, der in den Jahrhunderten ein guter Herrscher war. Er hat mir einen aus der Reihe der Ahnen gesagt, mehr nicht. So sind auch bei William aus Stratford on Avon und seinen Geschichten fast alle Monarchen Verbrecher oder Schwächlinge, so dass nach der Inthronisierung des Potentaten die versammelte Entourage auf den hilfreichen Gedanken kommt zu morden, um damit den ersehnten Sturz des Gebieters über Nacht herbeizuführen.

Im blutigen Spiel um die Macht zerfällt das Reich. Zwietracht, Verrat, Aufstände, Mord schmieden hinterrücks den Atemzug, in dem geschehen soll, was geschehen muss.

„ende gut, alles gut: das Ziel ist Krönung“

Bei der erneuten Inthronisation, offensichtlich ein magischer Moment der Krone, scheint das Volk wie verwandelt und von den Toten aufzuerstehen. In König Johann III. beschreibt William eine solche Zeremonie, deren überirdisches Ziel die Beseitigung des Despoten auf ewig den Glanz darstellt, an der die gesamte Natur in ihrem Streben wie Erfüllung teilnimmt.

„Um ihn zu feiern, wird die hehre Sonne
Verweilen und den Alchemisten spielen
Verwandelnd mit des edlen Augen Glanz
Die magre Erdenscholl´in blinkend Gold“

Mein Bruder, mit einem großen Herzen und mit der liebenden Umarmung, wie es nur Geschwister können, wünsche ich dir einen lichten Tag am heutigen 22. Januar 2008.

Alle guten Wünsche sind bei dir und ich hoffe, dass das gesamte Ensemble ihren dr. tamil nadu und Totengräber ihrer unbewussten Lebensweise hochleben lässt.

Deinen Lieblingsplatz in diesem Leben hast du ja gefunden.
Das ist eine gute Voraussetzung für die unverstellte Aussicht in die kommende Welt.
In einer stillen Stunde aus guter Langeweile und einem Tässchen Tee lässt sich am inneren Horizont schon die nächste Landschaft erkennen, in der man gerne übermorgen sein Lager aufschlagen und sein Feuer anzünden will.

Tom Robbins schreibt in seinem Buch „Chop suey“ über seinen Lieblingsplatz:
„Ein paar Meter weiter stehe ich plötzlich auf buchstäblich nacktem Sandstein, und dieser Sandstein fällt steil ab, fällt und fällt, sodass es einem Angst einjagen könnte, wäre es nicht so überwältigend schön. Wie Pan hocke ich auf einem feuchten, schwindelerregenden Vorsprung und kann auf die unter mir gleitenden Adler hinabschauen, in die Privatsphäre von Fischadlernestern hinein, über den sattgrünen Glanz des Blätterlebens und einen verborgenen, mit Seerosen bedeckten Teich, wo im Frühling eine Million Frösche über Kermits Wiederholungshonorar tratschen.“

Und wenn das alles nicht so unmittelbar klappt wie wir uns das in unserem Primatenhirn auf den modernen Bäumen so vorstellen, mit dem Sinn vom Janzen, mit den wahren Berufungen irgendeiner mythischen Evolution, den ganzen Hochpotenzen, dem Eingehen ins Göttliche und seinen unerschöpflichen Ekstasen, dann haben wir immer noch das Guthaben auf der hauseigenen Bank, das uns auf ewig strahlen lässt: die gute Ausfahrt mit dem Rennrad, anschließend einen Kaffee aus dem Hochland, ein Stück Kuchen auf dem Teller vom Bäcker um die Ecke, abends das Pokalendspiel im Ersten und am nächsten Tag ein Rendezvous mit einem achtbaren Weib.“ J.G:


Gute Macht
Dein Bruder John

Sonntag, 20. Januar 2008

gottesanbeterin

"Wird einem das Wort wie eine süße Frucht in den Mund gelegt, dann soll man auch davon probieren.

Die Woche ging schneller herum als ich mich umsehen konnte.
Mittwoch war ich allerdings wie alle Schulpflichtigen erledigt.
Ein Fototermin in einer staatlichen Schule.
Mein fotografischer Auftrag.
Neugier.

Indianer, die Hölle ist nichts dagegen.
Jugend, o mein Gott, was für ein herrlich loderndes Feuer, was für ein segensreiches Talent. Von morgens um 9 bis nachmittags um 4 findet es sich eingesperrt in einem rechteckigen Raum.

Lichterloh.

Eine Brandstätte aus kahlen Wänden, umgekippten Stühlen, heruntergerissenen Bildern, verschmierten Tischen.
32 mal aus dem Fenster starrendes, junges Leben.

Am Boden finde ich achtloses. Leergut.
Stifte, unbeschriebene wie beschriebene Zettel, Zerrissenes, halbe Radiergummis, angekaute Äpfel, weggeworfenes Brot, vollgerotzte Zementplatten.

Säuglinge des Lichts.

Den Tag verschlafen sie tiefgehend, wie die Indianer in den Reservaten, da sie ahnen und wie alles junge Wissen partout nicht lernen wollen, dass Leben sterben muss.

14 Tage brachte ich in diesem Zuchthaus der Buchstaben, Zahlen und Seelen zu, umringt von einer herrlichen Affenbande aus halbstarken Muttersöhnchen und bauchfreien Lolitas.

Dann das erste Foto.

Vom Sturm der Begierde nach Freiheit entfesselt, löste ich mich aus der Zentralperspektive, driftete Stunde um Stunde, mit den Schoßkindern wie eine müde Herde von Quallen im großen Ozean zur Küste der Erwartung. Die Pause.

Endlich am vorletzten Tag der fallende Beginn.

Das Motiv.
Der Blick in den Garten Eden.

In der Früh. Vor Sonnenaufgang.
Unausgeschlafen wie Stroh aus dem Vorjahr stiefelst du an die Weide, um bei den Ackerwinden nach der Choreografie der Pferde zu schauen.

Hinsehen.
Genau hinsehen, ja, man muss genau hinsehen, hinsehen, wenn einer kommt und wenn einer geht.

Jim, Jenna, ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie, die Schüler, alle kommen und gehen gleichzeitig. Erstmals sah ich leibhaftig im jungen Habitus den hellen Tanz der Materie im noch unbewussten Leib.
Alles steht und bewegt sich.
Gleichzeitig.
Grandios.

Der Eingang ist auch der Ausgang.
Das Lächeln der Mona Lisa.
Der Tod, ein Witz.

Schließe die Augen, Indianer.
Fühlst du den breiten Strom der großen Wasser.
Höre, welche Namen sie tragen.
Nil. Mississippi. Ganges. Jenessai. Rio Negro. Okavango. Jangtsekiang.

Im Angesicht einer Schülerin sah ich die großen Flüsse aus den sieben Himmel strömen.

Seelendurst brannte in ihren Augen und mit ihm löschte sie alle Erinnerung von Schulweisheit aus. Erhaben glänzte das Unsterbliche und flog auf einem selbst geschnitzten Pfeil über den breiten Strom der Generationen selbst liebend ins Freie, während das tote Gehölz der Buchstaben gelehrt und müde an ihr vorbei trieb." J.G:



Das Schöne war, wenn eine künstliche Fliege an ihr vorbeizog,
hat sich die Gottesanbeterin zurückgelehnt und hat Zeitung gelesen.
Ganz anders als eine lebendige Fliege vorbeikam.
Da hat sie „Schnapp“ gemacht.“
v. Foerster

jansen

"Im Rondell des ersten Stocks,
senkrecht aufgehängt, das flüssige Blei des Künstlers.
Alles im Suff und mit abgebranntem Docht.
Hingekratzt wie hingeworfen.
Aus dem toten Leben fliehend, immer mit dem Stift voran.
Hin zu dem unzerstörbaren Weib." J.G:

die weide lebt


„Sie ist entzückt,
wie weit die Menschen schon
mit der Begeisterung der Materie sind“
J. van der Loewen


Ich trete in die Nacht.
Reine Flunkerei.
Bleibe stehen, mache einen kleinen Schritt zurück, leicht seitwärts.
Eine Sensation.
Ich bin zweimal.
Hebe alles auf.
Zu meinen Füssen Seligkeit.

Der Indianer schnattert und hängt auf dem kurzen Weg in das Häuschen entzückt vor lauter Glück auf beiden Seiten kleine, helle Glöckchen und bunte Fähnchen in die blank funkelnde Nacht.

Ich wandle und kann nicht genug davon in meinen Besitz nehmen.

Nach vorn.
Zwei Drei Schritte
1000 Jahre vorbei.

Panaroma fließt in Strömen.
Vorn zwischen zwei hochaufragenden Eichen links und rechts steht ein kleines Häuschen. Warmes Licht fällt herrlich zu Boden

Vor der Tür lege ich meinen weißen Mantel ab, stelle meine Holzschuhe ordentlich zur Seite, öffne die Tür, schließe sie.

In diesem kleinen Häuschen liegt der Indianer ausgedehnt und nackt.
Lege mich nach oben.
Zu ihr.
Mit dem roten Mond bedränge ich zart ihre linke Schulter.
Ihre silbernen Füße entflammen meine Hände.
Gott liegt auch oben, rechts, schräg gegenüber.
Drei in einem Nest.

„Das 3. Jahrtausend, eine einzige Entbindung.“
M. McIron

Alles Da.
Nichts begehrt.
Die Seele wohnt in einem goldenen Haus.

"Madame, was sollen wir noch glauben
bei dieser schönen Aussicht“ J.G:

Unzählbares Geben in dieser Nacht.
Das Essen ist vorbereitet, der Kamin brennt, der rote Wein in Kelchen, das kleine Gebäck, der gute Tabak, die zwei Engel segnen still mit ihrem Dasein, sitzen brav und hören den Menschenkindern aufmerksam zu.

„o goldenes meer
du rausch im hellen
umarme mich
küsse mich
flute meine zellen“
J.G:

Zur späten Stunde, weit nach Mitternacht,
reicht Herr Wiese den Liebenden getrockneten Salzfisch.

Das Wissen der Nacht.

In einem letzten Schwitzgang der drei bloßen Körper ist alle Bindung gelöst.
Die blanke Schwärze glänzend gelaunt.

Die nackte Haut juchzt im kalten Wasser.
Das Luftmeer jubelt still und klar.
Freude.
Selbst die Katze.
Sie tänzelt um meine Beine.
Wagt sich empor, hangelt am weißen Bademantel aufwärts.
Hockt auf meiner rechten Schulter.

Alles auf Position.
Gott schreibt herrliche Drehbücher.
Von der heißen Quelle erquickt, sitzen wir tief in den Zellen gereinigt in ihrem starken Auto, starten in die klare, kalte Nacht.

An der Weide halten wir.
Hinauf zu all den Sternen.

„unsterblich mit dem Liebhaber
bewegen sie sich über Himmel und Erde
und bilden die Farbe des Lichts“
Veden

Entflammt lieben wir mit unseren Körpern
Alles Sein Werden
Meer auf Meer
Liebender Verfall in göttliche Materie.

„Materie erinnert sich“ M. McIron

Auf der Handbremse in der Mitte der Konsole zwischen den beiden Vordersitzen liegt ihr Schoß offen wie ein junges, aufbrausendes Meer. Der Delphin jagt über die automobilen Instrumente, gleitet durch die hellen Strömungen, springt mit gespannter Haut glanzvoll aus der See und taucht aufwärts drehend im hellen Jubel des Wassers ein, wendet unter dem Riff. In allem hin zu ihr." J.G:

alles nichts

„In einer der über hundert Höhlen der ehemaligen Handelstadt Kucha
an der Seidenstraße sind 72 Buddhas auf einem Wandbild abgebildet.
Die Bildnisse stammen aus dem 6. Jahrhundert n. Chr.
Auf allen 72 Bildnissen trugen die Buddhas Umhänge.
Die Umhänge waren aus Gold.
In allen Abbildungen fehlt der Umhang des Buddhas.

Was ist der Umhang des Buddhas?“ J.G:

rote kirschen


"Großvater war kein Feigling.
Er war Polizist mit einem schwarzen Diensthund.
An einem Dienstag war alles zuviel.
Alles.
Der Krieg.
Die Transporte in den Osten.
Die Leichen,
die er manchmal vom Baum schneiden musste.
Sein entstelltes Gesicht.
Die zerstörte Heimat.
Alles war zuviel.
Reinrassig.
Nichts
Kein Gespräch.

Die treue deutsche Seele,
der eigene Schäferhund, biss ihm eines Tages die Nase ab.
Einfach so.
Aus den Volksempfängern plärrte das Heil.
Die Katastrophe für meinen Großvater.
Der Tierarzt, der den Diensthund später einschläferte,
sagte damals zu meiner Mutter, der schwarze Hund war voller Geschwüre.

Mein Großvater legte am Abend vorher
die Dienstwaffe nicht in seinen Nachtschrank,
sondern lies sie gegen die Dienstvorschrift an der Garderobe hängen.
Nach dem Aufstehen beschloss mein Großvater sich das Leben zu nehmen.
Es war Sommer, Ende Juli, Kirschenzeit.

Sein Frau war in der Stadt, beim Metzger einkaufen.
Er setzte sich an den Küchentisch und schrieb einen Zettel.
Den ließ er auf dem blanken Küchentisch liegen.
Er ging an die Garderobe, nahm die Dienstpistole aus dem Gürtel
und ging durch die hintere Gartenpforte in den angrenzenden Wald.
Dort setzte er sich an einen Baum, entsicherte die Dienstwaffe,
nahm sie in die linke Hand und wartete.
Und wartete.
Eine halbe Stunde.
Eine Stunde.
Ewig lang.
Zu lang.
Sein Sohn Friedrich fand den Zettel in der Küche.
Er rief seine Frau aus dem Schlafzimmer.
Sie legte gerade die kleine Tochter schlafen.
Vorbei an den Häusern hetzten sie in den Wald.
Sie sah ihn zuerst.
Mein Vater rief: Adam, tue es nicht, tue es nicht.
Wortlos setzte mein Großvater die Waffe an seinen Schädel und drückte ab.
Mit einem Schuss in den Kopf
setze mein Großvater im Sommer 42
seinem Leben ein Ende.

Das Ende.
Er wollte es.
Und viele andere wollten es auch.
Es sollte Schluss sein.
Ende. Aus.
Doch das gibt es nicht.
Jedenfalls nicht so.
Mein Vater warf sich nach dem Schuss aufs Rad.
Mein Vater war Sperrwerfer und Handballer, Feldhandballer.
In kürzester Zeit erreichte er die Polizeidienstelle meines Großvaters,
stürzte in das rote Backsteingebäude.

Meine Mutter kniete neben dem Baum,
ihren Schwiegervater im Schoß.
Tot im Wald.
Dienstagnachmittag.
Eine Woche später wurde mein Großvater begraben.
Was für Tränen im Traubenweg.
Jahrelang.
Mein Vater hat sich von diesem Schlag nie erholt.
6 Jahre später, im Sommer 1950, war meine Mutter erneut schwanger.
Am offenen Fenster im 1. Stock eines Bahnhofgebäudes im Süden des Landes, unweit eines jüdischen Friedhofes in der Pfalz,
schaukelte bereits eine rote Kinderwiege.
Meine.
Jetzt hatten sie drei Königskinder.
Die eine 43 geboren, der Rotschopf 48 und ich.
Vater, Mutter, eine Großmutter, drei Kinder und kein Hund.
Sophie und Friedrich wohnten jetzt in einem Bahnhof.
Personen- und Güterverkehr.
Beides.
Mein Lieblingsplatz in den Jahren auf dieser Erde.
Hoch oben auf einem Kirschbaum direkt vor dem Bahnhofsgebäude.
Sommer und Kirschen.
Ort meiner Kindheit.
Ein Gedicht." J.G:

unter mir



Stunde um Stunde,
Tag für Tag, Nacht für Nacht,
mit der Lore in den Kohleschacht.

Von Anbeginn hellauf entbunden
schlage ich von weit her
kommend mit der Übermacht von Äonen
wie ein Eisenhammer liebeskrank hernieder,
Leben für Leben, Tod für Tod, Meter für Meter.

Beharrlich zieht mein kleiner Karren durch die Tiefe aufwärts,
weiter und weiter, Tiefe um Tiefe, Schicht für Schicht, weiter hinein
und hinaus.

Naiv paradiere ich hinab in das gefräßige Maul,
spielend vorbei am ewigen Murmeln der Gesteine,
vorbei am hektischen, unteren Gedränge der Kontinente,
vorbei an dem weißen Staub der Tafeln,
abwärts in den schwarzen Hohlraum der Zeit.

Am letzten Grund,
der graue Felsen der Ignoranz,
die Klagemauer des unerwachten Lebens,
der pechschwarze Film der Gebeine.
Mit einem Blick zerschneidet mir sein messerscharfes Angesicht
meinen mühsamen Leib.

Das Mysterium der Myriaden.

Aufgelöst in die Welt der Atome
bin ich immer noch da
und aus meiner Kehle löst sich das Wort.

Unsagbar erstrahlt das Element
flimmert in der Ganzheit seiner unendlichen Teilung
öffnet mit seinem Ton das Jahrmillionengrab.

Nur einen Spalt breit genügt.
Endlich im Unendlichen erfüllt knie ich am großen Feuerrand nieder.
Der Sitz der Sonne.

Aufgerieben, zerschlagen, zerfallen,
steige ich auf in den Morgen,
in den zerschundenen Händen das Katzengold,
Glanz des ersten Regens.

In den Abendstunden dann sitze ich am Tisch,
ein Glas, ein Blatt, ein Stift, der Himmel unter mir.
Das Leuchten der Worte.“ J.G:

Völker der Welt...

...ächtet den Krieg


Das Spiel mit der Angst ist vorbei.
Der Tote Mann steht im Museum.
Er ist Geschichte.

Scham, befällt mich noch immer, damals wie heute.

War ich bei Hofe und die Versuchung war groß, den in Grün, Gold und Blau geschmückten Spiegelsaal zu betreten, dann beklagte das eigene Angesicht dumpf die Nichtigkeit der Existenz. Ein finsteres Gedankenschild, das die Kongestion toter Materie trägt.

Bleischwer hatte dieses schwarze Schild Meister William seinen Dänenprinzen vor dem Morden rezitieren lassen:

„Aus! Aus! kleines Licht! Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild: Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr vernommen wird. Ein Märchen ists, erzählt von einem Dummkopf, voller Klang und Wut, dass nichts bedeutet.”

Das Morden wurde delegiert.
Filmhelden erledigten das blutige Geschäft.
Selbst machte das keiner mehr.
Selbst der Mörder nicht.

Gegen den Feind des Friedens oder der Freiheit, gegen den Terrorismus, den Nihilismus und gegen den fanatischen Fundamentalismus, wie der katholische Papa in Rom hat verlauten lassen, gegen ihn soll im Namen des Kreuzes erneut zu Felde gezogen werden

Aus welchem religiösen Gesetzestext auch entnommen, von welcher Empore der politischen Macht dies auch ausgerufen sein mag. Mit dem Wort GEGEN verharrte die Welt in einem geteilten Zustand, irrend in den alten Schützengräben und Stellungen des Krieges.
Damals gegen die Indianer, vorgestern gegen die Juden, gestern Morgen noch die Kommunisten, gestern Mittag gegen Terroristen, gestern Abend waren es Journalisten, gestern Nacht waren es noch wir.

„Natürlich wird da geschossen und gemordet. Das war schon immer so. Sie ruinieren ein gutes Geschäft“ So Beresowski zu General Lebedew, der im Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien zu vermitteln suchte und der 2002 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Die monotheistische Kasernierung schien über die Jahrhunderte ihre pathogenen Spuren nicht nur im Vatikan hinterlassen zu haben.

Beim Stellvertreter Gottes und seinen scharlachroten Schäfchen, die als Moralapostel am Tisch der zivilen Verwaltungsmacht saßen, rief das blasphemische Gebot des Zölibats, offensichtlich eine Amnesie hervor.

Die Erinnerung an den Ursprung, das Geburtshaus des Lebens, die süße Frucht des Seelenschoßes, der weibliche Kosmos wurde in Häusern, Straßen Bischofssitzen und Moscheen schwarz verschleiert, bei Ehebruch gesteinigt und zölibatär aus dem kosmischen Kreissaal der Weltentreppe verbannt.

Die klerikale Triebfeder des weltlichen Machtapparats und ihrer im Römischen Recht verwurzelten Obliegenheit war, das Kreative, das souveräne Freiheitsrecht, den Schöpfungsmoment, das, was im Homo Sapiens als Menschwerdung aufstrahlt, die innere Sonne in allem Lebendigen und Toten, diesen Funken Göttlichkeit auf Gedeih und Verderb in allem wilden und freien Leben zu vernichten oder in den engen Verliesen des Denkprimaten gefangen zu halten.

Für die Halbwelt einer unbewussten Lebensorganisation war es von daher unerheblich, ob die Sklavenheere der Arbeit und des Konsums wählen durften oder nicht.

Oberstes Prinzip und erste Substanz einer unbewussten Lebensorganisation war und ist die Wachstumsformel Geld, die von der Herrschaftsform des privaten Großgrundbesitzes seit Jahrtausenden gewinnbringend eingebracht, jedoch für die Menschwerdung ruinös abgeschöpft wurde. Die Brotkörbe der Seele blieben leer.

Dies gelang der Halbwelt anscheinend umso besser, wenn im mentalen Erwachen des Lebens Verwaltungsruhe und militärische Ordnung herrschte, wenn die Mär von der dummen, toten Materie im Lebendigen, wenn der Aberglaube einer geteilten Welt in Himmel und Hölle als unumstößliches Gesetz als Buchstabe im Primatenhirn verschult und von den anschwärzenden Gazetten in alle Himmelsrichtungen als Realität plakatiert wurde.

Für die feudale Bewirtschaftung des Planeten erwirkte diese klerikale Sexualmoral maximalen Gewinn und die Aufrechterhaltung einer staatlichen Ordnung, die die Teilung der Welt in Oben und Unten für die ignorante Gedankenwelt des Homo Sapiens in Recht und Gesetz festschrieb.

Die weltliche Macht etablierte eine Verwaltungsordnung, die die feudale Rangordnung demokratisch legitimierte, das Vorrecht des privaten Großgrundbesitzes als rechtens auswies, das Monopol des Geldhandels sicherte sowie den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln orthodox absegnete.

Es handelte sich um den Jahrtausend Jahre währenden schwarzen Irrgang des Homo Sapiens, einem kriegerischen Labyrinth der schwarzen Spinne im Hirn des Denkprimaten, einem blutigen Terror gegen alles Leben, einer völligen Pervertierung der Evolution der Arten, die politische Verkehrung dessen was der „Mensch“ die „Masse“ die „Leute“ und das „Leben“ im Zusammensein auf dieser Erde sind.

Das Wort, das Licht der Menschwerdung, wurde im Hochdruckverfahren entleert und mit dem Big Business der Werbung und dem politischen Geschäft der Aufrechterhaltung einer Lebensorganisation betrieben, die ausschließlich in den letzten hunderten Jahren mit der nachdenklichen Vor- und Nachbereitung von Kriegen beschäftigt war.

Eine totale Fehlgeburt der Lebenswerte hatte sich in die Köpfe eingenistet, eine monetäre Entwertung, die unter dem NS-Staat im letzten Jahrhundert ihren staatlich organisierten Höhepunkt zum Erschrecken der Nachwelt umjubelt feiern konnte.

Keiner konnte sich damals daran erinnern dabei gewesen zu sein.
Keiner. Gespenstisch.

Das Verlangen des Homo Sapiens nach dem kreativen Aufgang in die Menschwerdung, diese innere Anrufung wurde hinter den Kulissen des politischen Theaters heimlich entleert, vertauscht und öffentlich mit dem Diktat der Münze als einzig geltender in Arbeit und Konsum zu füllendem Zahlungsverkehr ausgewiesen.

Gekauft und glücklich
Ausgepackt und leer.

Nach kurzer Zeit schon stellte sich in dem Käufer eine gähnende Leere ein, das profitable Nihil im Dasein, das an Dummheit und Brutalität nicht zu überbietende Gewinnspiel der Vernichtung und Immaterialisierung der inneren Lebenszusammenhänge bestritt gut bezahlt seinen grandiosen Auftritt auf der Showtreppe des Konsumtheaters, welches aus allem Lebendigen und Toten gierig die heiligen Gebeine der Seelen fraß.

Diese Schweinerei der kriminellen Halbwelt des Homo Sapiens war nicht nur in mafiaähnlichen Geheimbünden aufzufinden, sondern wie als Faktum aus der Historie bekannt, auch heils- oder gewinnbringend, diktatorisch oder im Mantel einer repräsentativen Volksherrschaft, staatlich organisiert.

Die heutigen Gesetzestexte sind mathematisch verschlüsselt und monopolisiert in den digitalen Börsentransfers der Hochfinanz.

Der Größenwahn hatte immer die Enge einer Gefängniszelle und den Gestank eines Massengrabes.

Schon immer und in allen Epochen wurde der Homo Sapiens auf dem freien Feld rekrutiert, in Kasernen eingekleidet und im Schützengraben erschossen.

Doch die bislang manipulierbar gehaltene Masse läßt sich im bewussten Fortgang der Geschichte nicht mehr so leicht rekrutieren für Krieg und Terrorismus. Sie läßt sich nicht mehr mordend und meuchelnd durch die Länder treiben, um das blutige Geschäft für die gewissenlos agierende Halbwelt des Homo Sapiens zu erledigen.

Wagte sich dennoch einer in die Nähe der Apokalypse, in die Sichtweite der Aufdeckung dieses mörderischen Schwindels, dann haben die Herrschaften der Halbwelt für die ganz Neugierigen gleich mehrere Optionen.

Ihnen wird glaubhaft das Höllenfeuer mit religiösen Gesetzestexten eingetrichtert, die ewige Verdammnis, wenn sie auch nur einen Schritt weitergehen und wagten den Schleier weiter zu lüften, sie werden als Novizen mit triebhaft geschwenktem Weihrauch geschwängert und abhängig gemacht, ihnen wird der Teufel der Angst ins Haus geschickt, der ihnen zur Warnung schon mal den kleinen Finger abgehackt, die Augen aussticht, oder die Tochter vergewaltigt, oder die allzu Neugierigen werden einfach zwischen Vorspeise und Hauptgang an ihrem Tisch im Restaurant kurzerhand erschossen. Peng!

Die private Aufhellung, die Aufdeckung des ruinösen Schwindels auf den freien Plätzen und an den Küchentischen der Welt geschah im Betrachten der Bilder Johan van der Loewens. Ähnlich wie der niederländische Maler H. Bosch pinselte auch er seine Bilder seit Jahren in der Alla-prima-Technik, das ist so etwas wie „von Beginn an“.

Mit dieser Manier des Farberlasses werden die Farben auf einmal und ohne Untermalung nass in nass aufgetragen. Schon seit einiger Zeit vermutet ich, dass es dieses spezielle Verfahren ist, das die ewige Verdammnis, das Ende von allem, als klassische Selbstgefangennahme offen legt.

Seit dem die private Öffentlichkeit Kenntnis hat von diesen Bildern, scheint sie befreit von dem Fluch der Scham und der Angst. Sie nimmt seit der schönen Ansicht der Bilder van der Loewens nicht mehr so viel Zelluloid zu sich und verweigerte seit dem den raffinierten Zucker, den täglichen Gang ins Zuchthaus "Arbeit macht frei" und die brave Einnahme von Schlaftabletten vor dem Zubettgehen." J.G:

eindeutig

erfahrungslos

das göttliche leben
kommt im kinde
jeder krümel kreatur
weiß das

du auch

egal
alles muss ins bild
der ganze gott
.
~
J.G:

poem

o madame
ihre blauen lider
herrlich geschlossen
schauen sie
nach innen
madame
alles an mir
ist in sie
todlos verschlungen
berüht
ihren warmen sonnenleib
kann jetzt hören
was sie sehen
o madame
welch wunder
im palast
der stein der weisen
passiert seit äonen
bewusst und frei
die sekunde
schnell madame
kommen sie
umarmen sie mich

creamus ergo sum

Unveröffentlichter Vortrag von Johann van der Loewen im Club of Rome

Meine Damen und Herren,
Würde und Kreativität des Menschen sind unantastbar.

Aus ihnen schöpft der Mensch seine individuelle Begabung und trägt damit bewusst seine Mitverantwortung für die Einheit und Vielfalt des Lebens.


„O Gott welch ein Augenblick...“
Leonore nimmt Florestan die Ketten ab.
aus: Fidelio, L. van Beethoven


Die Wirtschafts- und Währungsunion Europas steht am Beginn dieses Jahrhunderts vor einer weiteren Herausforderung.

Die Kommunikationswelt der Globalität verlangt nach einer Neugestaltung des sozialen Zusammenlebens. Wie die Einführung einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsunion braucht Europa für das freie Zusammenleben der Menschen eine neue Währung des sozialen Zusammenlebens, eine neue Bildung.

Die Münze dieser gemeinsamen Währung und hohes Bildungssiegel Europas hat zwei Seiten:

- halbe Klasse
- Kreativität als Freiheitsrecht in der europäischen Verfassung zu verankern

Meine Damen und Herren,
Europa braucht nicht mehr Sicherheit, Europa braucht mehr Kreativität.

Die damit einhergehende Differenzierung subjektiver Begabung in den Neuzuschaffenden Bildungseinrichtungen, wird kreative Kräfte und Wissensressourcen freisetzen, die für ein globales Zusammensein in Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert erforderlich sind.


„sieht jeder das Ganze, sind wir in der Musik“ M. McIron

Die Anstrengungen zur Realisierung dieser Währung wird das nächste Jahrzehnt in Anspruch nehmen.

Meine Damen und Herren,

Realisiert Europa diese Vision, so steht dem gemeinsamen Haus eine Belle Epoche bevor. Sie stellt nicht nur ein neues wirtschaftliches Wachstum in Aussicht, sondern ebenso eine soziale Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft sowie eine kreative Entfaltung des Individuums in seiner schöpferischen Begabungsverantwortung.


„So ist das Geld zwar erste Substanz,
jedoch nicht ursprüngliche Kraft eines wirtschaftlichen Unternehmens.“ J.G:


Diese Vielfalt an Begabungen und die daraus entstehende Verantwortung des werdenden Menschen für sich selbst und die Gemeinschaft ist die Basis jedes wirtschaftlichen und sozialen Reichtums.

Kreativität ist das Freiheitsrecht des 3. Jahrtausends.
Es ist das Grundrecht eines jeden Menschen.

„Anstelle von Heimat
hatte ich die Verwandlungen der Welt“
Nelly Sachs

Umso mehr gilt dies in einer Zeit, dass man Kommunikationszeitalter nennt. Für die private wie gesellschaftliche Gestaltung einer globalen Wissensgesellschaft braucht der Mensch die demokratisch verfasste Garantie dieses Freiheitsrechts.

Meine Damen und Herren,

Dieses Freiheitsrecht, in einer gemeinsamen europäischen Verfassung festgeschrieben, wird helfen die Grundrechte des Menschen in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im 21. Jahrhundert weiter zu verwirklichen und damit die Würde des Lebens Schritt für Schritt einzulösen.

„Wach auf! Wach auf!
Du Schläfer des Schattenlandes, erwache, dehne dich.“
W. Blake

Europa erhält mit der Realisierung einer gemeinsamen Bildungswährung die historische Chance, das Freiheitsrecht der Kreativität als sozialen Anlagewert einer neuen, globalen Ethik im Dialog der Kulturen zu etablieren.

Die „Würde“ ist die säkularisierte Form der Erhabenheit, der „Göttlichkeit“ des Lebens. Ein Ringen der Natur wie des Menschen, in aller Vielfalt, nach dieser Freiheit.

„Alles, was in der Welt der Elemente wirklich existiert,
sendet in alle Richtungen Strahlen aus, die die gesamte Welt erfüllen.“
Al Kindi 9. Jahrhundert

Es ist das gesamte Unternehmen Leben, an dem der Mensch teilnimmt, das ihm diese aufrechte Haltung abverlangt.

Meine Damen und Herren,
Halber Stein, weniger Druck, mehr Höhe

dies ist eine einfache Formel aus dem Handwerkskasten der Mittelalterlichen Bauleute. Erworben haben die Handwerker diese Erkenntnis im Übergang von der romanischen in die gotische Bauweise.

Beherzigen wir diese einfache Vorschrift der baulichen Handwerkskunst, übertragen sie kommunikativ als Grundriss auf die wertbaren Handelsbeziehungen, halbiert sich auf diesem architektonischen Flussbett das quantitative Maß der gesellschaftlichen Arbeit, es wird allgemein weniger Verwaltungsdruck notwendig sein und in der Folge wird dieser Grundriss zu mehr Selbstverantwortung der einzelnen Teilnehmer führen. Als wirtschaftliches Ergebnis erreichen wir durch diese kreative Wachstumsformel eine hochwertige Anhebung des Niveaus des sozialen Miteinanders.

Meine Damen und Herren,
Die seit der Aufklärung in den demokratischen Verfassungen auf den Menschen übertragene „Würde“ des Souveräns bleibt ohne das Freiheitsrecht der Kreativität historisch wie individuell unerfüllt.

Da es wahr ist, das alles mit allem verbunden ist, nimmt der Mensch in der Tiefe seiner Lebensphysik teil am Unteilbaren.

Meine Damen und Herren,
Diese Lebensphysik, das im Inneren der Materie pulsierende Wissen von Zusammenhängen, das ist das Gold, das Öl, die Energie, das ist das integrale Wissen, der neue Kontinent, der tragende Baustein des Jahrtausends, den es gemeinsam zu bergen gilt.

"Nie ist Wissenschaft anders entstanden
als durch poetische Anschauung."
Emerson


Da Materie und Bewusstsein äquivalent sind, sind die Kohärenzen nicht nur molekularbiologisch für den weiteren Fortgang der Evolution von enormem Gewicht, sondern sind ebenso von mentaler und damit psychologischer Bedeutung für das soziale Zusammenleben.

„In der Tiefe ihrer selbst weiß die Materie schon vor allem,
dass sie am Leben bewusst wird, ohne jeden Zweifel“
J. van der Loewen


Diese mentale Kohärenz ist die Strahlungsquelle der inneren Lebensphysik, ist Kreativität und Ausgangspunkt für eine neue, humane Bewusstseinbildung des Menschen.

Um das Wissen der neuen Lebensphysik effektiv in der Breite einer Allgemeinbildung zu fördern ist eine souveräne Geste der globalen Polis erforderlich.

Ähnlich wie in der technologischen Entwicklung der Kommunikationsindustrie wird sich die kreative Lernleistung durch die mathematische Halbierung der Anzahl der jungen Menschen in den Klassen potenzieren.

Eine einfache mathematische Rechnung, die sich in einer effektiven Förderung von Begabung, Wissen und Verantwortung auszahlen und langfristig zu einem nachhaltigem sozialen wie wirtschaftlichem Wachstum führen wird.

Die neue Lebensphysik verlangt nach einem öffentlichen Lebenszeichen, verlangt nach einer neuen Lernarchitektur, nach mehr Kreativität, unnachgiebig nach mehr humaner Prosperität in den wirtschaftlichen wie sozialen Beziehungen.

„...aber der Baum und das Kind suchet,
was über ihm ist“ Friedrich Hölderlin

Meine Damen und Herren,
Um diesen Reichtum zu fördern, ist vorerst nur eine formale Voraussetzungen zu erfüllen: die Halbierung der Schulklassen.

Durch diese strukturelle Veränderung der Lernarchitektur wird es den Lernpartnern ermöglicht, die hochwertige Wissensressource des 3. Jahrtausends, das Wissen von Zusammenhängen, von innen nach außen zu fördern

Der Mensch wird über die verfassungsrechtliche Aufnahme der „Kreativität“ in einer europäischen Charta aufgefordert, die Würde des Menschen in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit einem hohen Maß an kreativer Begabung wie Verantwortung einzulösen.

Meine Damen und Herren,
Würde verlangt nach Kreativität. Sonst ist sie nicht souverän.

Durch diesen grundlegenden Bildungsschritt erhält der Mensch rechtlich die Möglichkeit der Selbstverantwortung für sich und seine Mitwelt übertragen.

Diese Verantwortung kann er jedoch nur wertbar für sich selbst und die Gemeinschaft ausfüllen, wenn öffentlich begrüßt, erwünscht und gefördert wird, dass das Individuum die Würde des Lebens in seinen Begabungen kreativ entwickelt und in entsprechenden Sozialformen des Zusammenlebens frei einbindet.

Die Position des Menschen als „Mitschöpfer“ verlangt einen Richtungswechsel in der Didaktik wie in der Methodik der Wissensförderung: von Innen nach Außen.

Der Mensch ist begabt aus sich selbst heraus zu schöpfen, so wie die gesamte Evolution seit 4 Milliarden Jahren aus ihrer inneren Lebensphysik kreativ schöpft und in einer aufsteigenden Reihe immer wieder neue, höhere Lebensformen hervorbringt.

„So leben sie ihren Ursprung wie an einem Fluss,
schon vor allem das Großartige, das Einfache“ J.G:

Diejenige Wirtschaftsgemeinschaft, die sich im 21. Jahrhundert in der Lage zeigt, das Wissen von Zusammenhängen zum Wohle des einzelnen Menschen wie der Gemeinschaft von innen nach außen kreativ zu fördern, wird sozial prosperieren und wirtschaftlich wachsen.

Meine Damen und Herren,
Der Durchbruch in diese neue, globale Wirtschaftszone des Planeten, über den erreichten Ereignishorizont hinaus, hinein in einen unermesslichen Pool sozialer Potentialität, schöpfend aus der flimmernden Kohärenz „alles ist mit allem verbunden“, hinein in das Fortschreiten eines globales Zusammensein, hinein in eine neue Epoche humaner Evolution, all dies lässt sich im 21. Jahrhundert nicht mehr aus einem die inneren Zusammenhänge ignorierenden Denksystem, aus einem ausschließlich rationalen Geist und seiner Wachstumsformel Geld heraus beobachten, managen und vermarkten.

In dem neuen Ereignisfeld globalen Zusammenseins lässt sich dies alles nur wertbar fördern, entwickeln, gestalten, bewirtschaften und leben, wenn dieser integrale Informationswert des Lebens, wenn die mentale Kohärenz der inneren Lebensphysik, wenn dieser Lichtsatz als innere Wissensquelle breiten Einfluss findet in dem allgemeinen Bildungsprozess des Lebens.

„... damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete.“
J. W. v. Goethe


In dieser Ausdehnung und Vielfalt präsentiert sich Lebensmaterie völlig neu, physisch bewuss, lebendig und ungeteilt.

Meine Damen und Herren,
schenken sie zum Schluss des Vortrages ihre Aufmerksamkeit den Worten eines 11 jährigen Schülers, der sich mit seinem schulischen Scheitern am Gelingen der Welt versucht:

M. Seehase, 11 Jahre: Wissen sie, dass das Leben einen höheren Sinn hat?“
Lehrer: „Ja. Und was fangen wir damit an?“
M. Seehase: 11 Jahre: „Schöpfen“.

© J.G:

Dekret der königlichen Akademie

„Jeder Mensch hat unabhängig seiner sozialen Herkunft, seiner kulturellen Zugehörigkeit, sowie seines persönlichen Bewusstseinsstandes einen kulturellen Bildungsanspruch auf das mediale Weltkulturgut: die Live-Ansicht der ganzen Erde aus dem Weltraum.

Mit der medialen Integration der Live Ansicht der Erde aus dem Weltraum in das öffentliche Bild der Welt, ergeht an den einfachen Menschen die Aufforderung aus dem kriegerischen Schatten des Homo Sapiens Sapiens herauszutreten und als Mitschöpfer auf den Plan der Evolution zu treten.

Mit der aus dieser Ansicht freiwerdenden Kreativität und Begabungsverantwortung nimmt der einfache Mensch gleichberechtigt am Weltgespräch teil.

Die Vielfalt der Lebens- und Bewusstseinsformen haben das erste Mal in dieser Welt in aller Öffentlichkeit die Möglichkeit, gleichzeitig lokal Bezug auf ein Ganzes zu nehmen, das sie sichtbar alle trägt.

„Was schön ist,
weiß man, wenn man es sieht.
Aber es lässt sich nicht erklären,
nur zeigen.“
Ludwig Wittgenstein

Je erlebnisreicher der Mensch in seinem Fühlen, Denken und Handeln befähigt wird an der Entwicklung einer globalen Kulturgemeinschaft aktiv teilzunehmen, umso kreativer und verantwortungsbewusster werden sich die individuellen Handlungsebenen des Menschen organisieren.

Die Live Ansicht der Erde aus dem Weltraum befähigt den Menschen, sein bis dahin vom übrigen Ganzen der Erde geführten Denken, Fühlen und Handeln auch sozial in einer Gesamtaktivität wahrzunehmen.


„Die größte Zivilisationsleistung der Menschen ist es,
sich in einen immer größeren Zusammenhang zu stellen:
Erst in den Clan, dann in seine Nation,
in seine Religion, schließlich in seinen Kontinent
und dann auf seinen Planeten.“
Margaret Mead, Ethnologin


Es scheint von Bedeutung für das komplexe Zusammenwirken der verschiedenen Lebens- und Bewusstseinsformen zu sein, dass wir die Globalität nicht nur mental verstehen lernen, sondern darüber in der Öffentlichkeit einen vollständig neuen Kommunikationsprozess von schöpferischem Willen entwerfen.


„Die Vielheit individueller Reflexionen,
die sich im Akt eines einzigen, gleichgestimmten Bewusstseins
sammeln und verstärken.“
Der Mensch im Kosmos, Pierre Teilhard de Chardin


Einen Kommunikationsprozess, der die hohe Erlebnisqualität des ganzen Ensembles bewusster Lebensmaterie integriert.

Es bietet dem Menschen die potentielle Basis, auf einer gemeinsamen Erfahrungsgrundlage und einer neuen kulturellen Entscheidungsebene mit der Individualisierung in einer globalen Gemeinschaft zu beginnen, in der Einheit und Vielfalt, Wir und Ich, Gemeinschaft und Individuum, integral zusammenwirken.

Über diese Ansicht erlangt der Mensch die Fähigkeit Leben als Teil eines Ganzen zu sehen. Wobei sehen nicht allein als visueller Akt verstanden wird, sondern eher als die lebendige Erfahrung, Einsicht und Gestaltung in die inneren Zusammenhänge von Materie, Leben, Mensch und Kosmos.

Philosophisch ist es das physisch bewusste Wieder erkennen des Einen in Allem, das sich selbst vielfältig in jedem einzelnen Teil schöpferisch erfüllt.“ © J.G:

Samstag, 19. Januar 2008

am meer

"Alle infertilen Bücher habe ich zu Hause im Büchergestell asketisch verkeilt, damit sie nicht in die Versuchung kommen mit List und Tücke der Kopfarbeit sich selbst aufzuschlagen und damit eine analytische Treibjagd veranstalten auf die Liebenden im Sand, im Wind, am Meer.

Seymour, schön das du mir geschrieben hast. Schön, wenn du es immer wieder tust. So hoffe ich sehr, dass mich in diesen Tagen am Meer noch ein Brief von dir erreicht.

Es sind schöne, helle Tage am Wasser, Seymour. In der Früh, noch vor Sonnenaufgang, stehe ich auf, gehe hinunter an den Strand und bade im Meer. Ich schwimme jeden Morgen zur roten Boje hinaus, du wärest erfreut Seymour, ich kann es selbst kaum glauben, doch ich bade zu dieser frühen Stunde in einem grünlich glitzernden Taufbecken aus flüssiger Bronze. Zurück an Land sitze ich dann noch eine Weile mit deinem blauen Bademantel um den Leib im Sand, sehe aufs Meer und erwarte sehnlichst das erste Gold des Himmels.

Ein Wunder, Seymour, es ist ein immerwährendes Wunder. Das Strahlen entsteigt jedes Mal unberührt den Wassern und küsst hingeworfen jeden Krümel dieser fruchtbaren Erde. Das Schauspiel der Hingabe der Liebenden ist so tief greifend, dass der Tod nur noch eine blasse Erinnerung ist.

Tagsüber sitze ich stundenlang unter deinem gelben Sonnenschirm und blicke auf das anmutsvolle Spiel des Lichts am Meer. Liegt mein Körper dann einmal faltenlos im Sand, das Dünengras und der Himmel über mir, dann sehe ich die schmalen Halme wie sie vom seichten Wind bemächtigt Meer und Licht bejubeln.

Das klare Nordlicht ist traumhaft, Seymour, unglaublich schön, so klar, so rein. Ein sehr fein gewebt, sandhell grüner Schimmer. Das in den frühen Stunden des Tages gesponnene Sonnenlicht erweckt mich mit jeden Herzschlag zu neuem Leben. Das Licht erinnert mich an das zart weiße Rosa der liebenden Körper, du erinnerst dich, es war unser erster Tag im Land der roten Sonne und der erste Morgen in den Gärten der alten Kaiserstadt Kyoto. Die hohe Liebe, Teuerster, die hohe Liebe, die seit jenem Tag die Gärten des Palastes unsichtbar bewässert, glänzt auch hier in jedem grünen Halm am Meer.

Sei umarmt
Deine Muriel

p.s.
Seymour, bitte schicke mir die Tube Kadmiumgelb, ich habe sie zu Hause vergessen. Sie müsste irgendwo im Atelier herumliegen. Ach ja, und rufe meine Mutter an, sie freut sich, wenn du sie anrufst und ihr sagst, dass es mir gut geht am Meer." Aus der Erzählung "alles strahlt" J.G:

alles ein dasein

„Franz, der Nebel lichtet sich, du kannst aufstehen“ J.G.

"In den frühen Jahren meiner Kindheit haben mich Buchstaben wenig berührt. Die Reihe der Buchstaben auf Papier und auf den Schildern aus Blech erschienen mir in den ersten Jahren meines irdischen Daseins nur schwarze, dreckige Flecken auf weißem Grund zu sein, auf die die Väter und Mütter, mir völlig unerklärlich, unentwegt am Morgen, den Tag über und sogar am Abend unablässig starrten. In der kindlichen Reife meines Spiels erschienen sie mir auch manchmal kleine, magnetische Eisenkringel zu sein, die auf einem elektrischen Karussell unablässig hin und her schwindelten und den Erwachsenen die Köpfe in alle Himmelsrichtungen verdrehten.

Oftmals hörte ich Erwachsenes Leben Worte sagen, die nach endlosem Starren auf massenhaft gefaltetes Papier nicht müde wurden die zivilen Bestände der Sprache solange zu wiederholen, bis alle offenen Türen und Fenster, alle roten Herzen des erwartungsfrohen Lebens damit zugemauert waren.

Um mich vor diesen schwarzen Lauten in meiner Kehle und den furchtsamen Falten in meinem Wolkengesicht zu schützen, trug ich oft, und das sogar mitten im Sommer, den lieben langen Tag eine dicke, rote Wollmütze. Ich habe sie heute noch. Diese war ich, zum Entsetzen meiner Eltern, nicht gewillt abzusetzen, auch nicht nach dem Zähne putzen, auch nicht beim zu Bett gehen, auch nicht nach mehrmaligen Ermahnungen es könnten sich Läuse auf meinem Kopf einnisten und auch nicht nach der elterlichen Besänftigung mit Aussicht auf eine Gute Nacht Geschichte.

Sogar im Schlaf, es klingt wirklich auch heute noch seltsam in meinen Ohren, auch im süß fiebrigen Schlummer der jungen Substanz, zeigte ich nach Auskunft meines großen Bruders, entgegen aller vorgetragenen verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Befürchtung, eine strahlend kindliche Ausdehnung.

Eingerollt in die Fühler eines Schmetterlings, so verbriefte es mein ältester Bruder vor einigen Jahren in einem Schreiben aus dem Süden des indischen Kontinents, lag ich mit beiden Händen, die rote Wollmütze fest umschlungen, in meinem hellblauen Schlafanzug. J.G:

sie

schon immer göttlich
und alles ich
noch mensch

schnell madame
ein foto

© J.G:

Freitag, 18. Januar 2008

luxus

o goldenes meer
du rausch im hellen
umarme mich
küsse mich
flute meine zellen

J.G:

das Lächeln der Kristalle


"Sie kennt alle Wege des heimischen Waldes. Mit dem Auto. Mit dem Pferd.
An diesem Abend macht sich eine sternenklare Nacht auf den Weg.

Sie hält.
Wir sehen uns an.

„Gedanken sind nur die rasselnde Mechanik der Materie“ S.A. Goshe

Ich warne wie eine ängstliche Mutter vor überfrierender Nässe.
Unbändig erfrischend rast sie jung durch die beginnende Nacht.
Fährt davon, mit mir zu Gott. Herrn Wiese, geschieden, zwei Kinder.

„Alles ist innen und immer hellwach“ M. McIron

Der Himmel.
Ein kleines Haus abseits der Straße, umgeben von großen Eichenbäumen.

Die Kinder Engel, ein Mädchen, blondes Haar, elf, rundes Gesicht, Marie Curie, der Junge, zehn Lenze, aufgeweckt und umwerfend zart, der junge Amadeus.

Ist mir min leben getroumet oder ist es war“
Walter von der Vogelweide

Gott ist Reisender.
Im einem Jahr fährt er zweimal um die Welt herum.
Gott sucht und findet alles.
Am Straßenrand. In den Häusern der Menschen. Auf der Wiese. In kleinen Kistchen. Nebenan. Auf dem Dachboden. In den Hosentaschen. Auf Regalen. Unter den Tischen. Im Keller. In den Schaufenstern. Auf den Nasenspitzen.
Überall.
Kinderleicht.
Und alles was ihm von seinen Reisen in die weite Welt geschenkt wird, das hängt fein säuberlich in Herrn Wieses Haus.

Sollten sie einmal an diesem Haus vorbeikommen. Schauen sie herein.
Es lohnt sich.
Gott ist großzügig.
Noch bevor sie in der schlichten Pracht seines Hauses einen Wunsch in sich entdeckt haben, pflückt Herr Wiese diesen Gegenstand ihres jungen Verlangens von den Wänden und reicht es ihnen zum Geschenk. Gott hat mir in jener Nacht einen Holzzirkel geschenkt.

Jeder, der als Gast zu Besuch kommt, erhält kostenlos eine Führung durch das kleine Häuschen unter den Eichen. Wenn sie viel Glück haben, und die 14 Tage Regel von geschiedenen Eltern beachten, dann sind die kleinen Engel aus der Stadt des Westfälischen Friedens im Hause und verbreiten eine betörende Anmut, die ihnen jede Disharmonie von ihrem im Für und Wider der irdischen Belange verstimmten Cello nimmt." J G:

so wie es sein soll

"Bei unserem Aufenthalt im Schloss gab es ein Konzert im großen Saal, dort wo sie zu DDR Zeiten Turnunterricht abgehalten hatten und wo noch immer das Seitpferd wie ein quergelegter Sarkophag aus einer vergangenen Zeit schräg hinter dem schwarzen Flügel magnesiumbedruckt thront.

In diesem glänzend verstaubten Raum spielte Felix australisches Schwirrholz. Mit diesem Instrument begleitete er den jungen Goethe bei einem improvisierten Klavierkonzert. Ein grandioses Konzert war das, das auf dieser Welt seinesgleichen sucht. Mein Freund Harry, der bei der Bank Derivate handelt und in den Pausen auf dem Klo Eichendorf liest, sagt dazu immer, gegen unsere Konzerte sind die Aufführungen in der Royal Albert Hall ein glatter Schiss.

Irgendwie hatte ich ein beruhigendes Gefühl als ich ihn anschaute, denn in seinen Augen atmete unter dem Horizont noch immer ein großes, leuchtend blaues Meer tief ein und aus. Seine Rastazöpfe hatte er wie eine karibische Sonneninsel unter einer dunkelblauen Mütze achtlos aufgesteckt.

Im Zeitraffer, zak, zak, zak, erzählte er mir von seinen amourösen Abenteuern und wilden Eskapaden der letzten Jahren, ganz so, als stände die gesamte Erdgeschichte wie ein gewaltiger Fels vor mir und habe die ernsthafte Absicht lückenlos die Evolution der Arten mit ihren schillernsten Affären und ihren phantastischsten Tragödien in ganzen drei Minuten in allen Einzelheiten ausführlich vor mir auszubreiten.

Eine gewisse Zeit, so gestand er, habe er unter dem Laufpass seiner geliebten Doktorin gelitten, die er einen Sommer lang so heftig geliebt habe, dass am Ende alle Bilder der Ahnen der Reihe nach von der Wand gefallen seien.

Seine zweite feste Liebe der vergangenen Jahre, eine rassige Frau aus Südamerika mit bis zur Hüfte reichenden schwarzen Haaren, sei leider auch verflossen so wie Amazonas in der Wüste Sahara nach der Kontinentalverschiebung des Urkontinents Pangäas.

Doch jetzt sei alles wieder so wie es sein soll, freudetrunken und fruchtbar. Die Damen flatterten wie bunte Fähnchen am dänischen Nationalfeiertag vor seinem Fensterchen hin und her und er brauche sie nur noch ordentlich zu bedienen, dann käme alles von selbst, so wie es sein soll. So könne er mühelose mit ein wenig tirilieren Tag und Nacht Hochzeit feiern ohne jemals zu heiraten.

Groß und breit standen wir beide bei diesen Worten recht dicht beieinander und staunten über die unverhoffte Begegnung, eine Art von Bewunderung des Lebens, eine tiefe Selbstbegeisterung im eigenen Leib, eine im Grunde bodenlose Einsicht des strahlenden Körpers in das große Ganze, das niemand wirklich tot ist, niemand." J.G:

Donnerstag, 17. Januar 2008

das weite gehör

Entsiegelt vom vielwandigen Denken erhebt sich das Wort vom Sitz der Wahrheit.

„Nie war ich an der Realität interessiert, immer nur an dem Wirklichen, an dem was werden soll." J.G:

Mittwoch, 16. Januar 2008

genau so

"Der schöpferische Wille erscheint auf der Bühne des Welttheaters. Dieser Lichtsatz überholt leichtfüßig das versagende, analytische "verstehen wollen" des Homo Sapiens Sapiens, das so hilflos korrupt dahin debattiert, den Krieg und die Gewalt am Leben nicht zu beenden weiß" J.G:

im lichten Schoß

"Bewegungslos schwammen am großen Körper kleine, bunte Fische vorüber, spiegelten sich anmutig zwinkernd im rosa Perlmutt. Zart hingeben kosteten Tentakel des Verlangens innig das erste Salz auf der Haut der Liebenden. Zwei Muscheln, wonnetrunken in ihrem nassen Glanz vereint, küssten Perlen mit silbernen Mündern." J.G:

Einkehren


Er hatte das bedrängende Gefühl ihre Lumpen bergen etwas Heiliges in sich, schrieb ihr zu Ehren dieses Gedicht:

„Fünf grüne Pullover
Eintausend Löcher
Und die Himmellichter scheinen durch“
Aus „Auf dem schwarzen Berge“ B. Chatwin

Nach langen deutschen Monaten sitze ich endlich wieder für ein paar Stunden allein, drehe mich wie ein Hund treu um mich selbst und schwindle ungläubig durch das verstaubte Alphabet. Keine Spur von mir, leergeräumt wie eine verlassene Lagerhalle. Bettine von Arnim schreibt mir aufwärts einen Regensommer und einen Regenherbst an die verrußten Fensterscheiben.

Ich bedenke nichts und hocke mich in eine ölverschmierte Industrielandschaft.

„Menschen sind verliebt in die wahre Welt.“
J. v. d. Loewen

Meine Arme, leicht ineinander verschränkt, lehnen auf meinen Knien, sind mein Fensterbrett. Der helle Mantel fällt in seinem Stoff mühelos und liegt an mir mit dem Rest der Welt vollendet da.
Von den Generationen der Arbeit pünktlich in den Weltenkörper eingetreten, vibrieren die Millionen und aber Millionen Eisenspäne auf dem öligen Grund wie glashelle Sterne am schwarzen Himmel. Alles strahlt. Ich lächle.

„Er sagte, er wäre sich gar nicht sicher,
ob er von Joe Jacksons herrlichem Fahrrad je abgestiegen wäre“
J.D. Salinger

aus "Schlamm des Lotos" J.G:

Dienstag, 15. Januar 2008

In der Dunkelkammer des Lichts

"Seien sie bitte nachsichtig, wenn ich schon hier mit der Tür ins Haus falle, doch die alphabetischen Ordnungslinien im molekularen Überleben bieten dem in Dichtung und Wahrheit herumstreifenden Denkprimaten derzeit nur eine unbefriedigende, eine am Grunde des Ereignisses nur verstellte Aussicht auf den ersehnten Lichtsatz.

Ob der mit Buchstaben bevölkerte Primat mit dem zivilen Triebwagen der Großstädte beschriftet an einer natürlichen Landschaft vorüber fährt und seinen neben ihm sitzenden Mitreisenden unversehens nach dessen Lieblingsplatz in der Kindheit fragt, ob er in einem postmodernen Sessel seit Monaten in der Flut der Anpreisungen eines Fernsehprogramms verharrt und ihm aus einer milden Erschöpfung heraus das Wort „Schaukelpferd“ entgleitet, oder ob er im obersten Stockwerk eines verglasten Wolkenkratzers die Geschäftszahlen des ersten Halbjahres auf seinem Schreibtisch wochenlang nicht aufschlägt.

Immer scheinen die schwarzen Buchstaben in Länge und Breite auf den losen Blättern so aufgestellt zu sein, dass damit nicht das letzte Wort gesprochen ist."
Aus der Erzählung "alles strahlt" J.G:

keine messungen mehr...

... mein kohleherz

„schon in der früh verschlägt ein groschenroman
mein gesicht
auf der nächsten seite
stopft mir im kohlenkeller wahrheit
meine stinkenden socken in die hosentaschen

ohne requisite an den füßen flitze ich ins
erdgeschoss, zeichne einen ganzen bogen aus der
zeit und komme ohne das licht ausgewaschener farben
als mächtige kohlegrafik schräg vor dem
blinden spiegel zum stillstand

ich überlebe den anschlag und springe ohne
herzschlag mit halber drehung auf´s bett und
liebkose meine rose auf meinem kissen

im erdgeschoss riecht es nach schokolade, mutter und physik
ohne visum erhalte ich die aufführungsrechte und
komme an der seite eines geknickten pappbechers
über das wohlgeordnete doppelbett ins lachen

keine duelle mehr in der pracht der nacht
im dröhnenden dunst der werksbusse zedert
pünktlich das spiel des kontrabass

mit nackten fußsohlen
die ersten stufen
im 1. stock des bürohauses
ist das minenfeld geräumt
hasen können jetzt neben dem fußabtreter
ein heimat finden

am küchentisch schneide ich mein übergewicht in
kleine mundgerechte happen, falte sie in
geschenkpapier und packe sie mit lendem tanz in
einen großen karton richtung schwarzer hunger

hintenherum über die feuerleiter in die nächste etage
applaus auf dem hinterhof

klatschnaß steige ich durch ein seitenfenster in ein
unbeleuchtetes schlafzimmer
hier bewachen paradiesvögel an großen breiten flüssen
echte liebe in würfelbechern

im conferenzraum sehe ich auf dem fußboden
neben dem flachen steintisch unbegehrten
silberschmuck. an der wand hängen, in 32 glasvitrinen
einzeln ausgegstellt, blanke viertelstunden

ohne anfang und steighaken, die treppe weiter hinauf
der 3. stock
endlich schräg den himmel hinab
im 3. stoch ist 4 = 3
auf dem rechenbogen ruht der schimmer
von morgen und seit sonnenaufgang der lautsprecher
im schoß der sekretärin

eine neue seite im groschenroman
kein messbarer abstand mehr
ich schreite ab und sage 8
8 schritte von unten nach oben
7 schritte von oben nach unten

es ist noch vor dienstbeginn
und ich sinke auf die knie
einen kinderschuh über dem horizont küsse
ich den heiligen hügel
lege mein schwarzverschmiertes ohr in ihren schoß und
höre
ja, ich höre wie das alte glas in mir zerspringt
oh was für ein glanz auf dir, mein kohleherz“
© J.G:

Tauschgeschäft

„Nach dem die Armen lesen, schreiben und rechnen gelernt hatten und sie jetzt lesen, schreiben und rechnen konnten was los ist, begannen die feudalen Herrscher in ihren demokratisierten Häusern damit die Buchstaben und Zahlen zu vertauschen, so dass man in den Zeitungen nicht mehr lesen konnte, was los ist.“ J. G:

Sonntag, 13. Januar 2008

noch am selben Tag

Das ist es ja, was er noch nicht wahr-nehmen kann, beides, die Sollbruchstelle des Homo Sapiens hin zum Menschen, er kann einfach nicht beides.

Seit ewigen Zeiten pendelt er, seit er als Primat mit vier Händen den Boden der Savanne betreten hat, in dem engen Kästchen immer zwischen Himmel und Hölle, zwischen Leben und Tod, zwischen ja oder nein, gehen oder stehen, voller Selbstzweifel und angstgefüttert hin und her. Weil er mit seinen kleinwüchsigen Gedanken meint, er müsse sich in seinem mühsam von Angst und Schrecken betriebenen animalischen Zerebrum entscheiden, fressen oder gefressen werden, leben oder sterben. Seine privaten Schiedssprüche rotieren in der Manege der niederen Natur, einer Vernissage von Reißzähnen, einer modernen Einmalverpackung von Intelligenz, einer Emballage des im Zwielicht geführten Kampfes ums nackte Überleben.

Wir sollten uns tatsächlich alle eine Katze halten und sie Schrödinger nennen, vielleicht kommen wir der Sache in der teilnehmenden Beobachtung und ganz privat ein kleines Stück näher.

Schauen wir uns einmal die Rechnungen der aufmerksamen Kollegen von der physikalischen Fakultät an. Mein Gott, was rotieren die Damen und Herren mit ihren Messapparaturen zwischen Welle und Teilchen, zwischen Kohärenz und Dekohärenz hin und her, ebenso wie du und ich, wenn wir uns entscheiden sollen, Apfel oder Birne, gehen oder bleiben.

Die Kopenhagener Deutung.

Ein Ereignis Ende der 20er Jahre um den dänischen Wissenschaftler Niels Bohr . Die Physiker setzten den Homo Sapiens in ihrer Messung als "bewussten" Beobachter ein. Das führt dazu, dass das Teilchen, das sich zuvor in einer so genannten Überlagerung befand, abrupt in einen der möglichen Zustände "springt".

Die Wellenfunktion kollabiert an oder mit diesem „bewussten Beobachter“.
Diese Deutung führte bei den Herrschaften zu einem sehr abwegigen Gedanken-Experiment von Schrödinger aus dem Jahr 1935. Dabei wird der Ortszustand durch die für den Homo Sapiens so schicksalhafte Messgröße "tot" oder "lebendig" ersetzt:
In einer nicht einsehbaren Kiste ist eine Katze eingesperrt (Schrödingers Katze), die einem Überlagerungszustand aus "lebend" und "tot" ausgesetzt ist. Erst die Messung durch einen „bewussten Beobachter“ führt dazu, dass sich die Katze entweder lebendig oder tot erweist.

Schrödingers Katze besitzt weder die Eigenschaft tot noch lebendig. Erst wenn jemand in die Kiste sieht, geht die Katze durch den Kollaps der Wellenfunktion in einen der Zustände "tot" oder "lebendig" über. Nach der Kopenhagener Deutung, so die versammelte Mannschaft der Erbsenzähler, ruft der Homo Sapiens, das Messinstrument „bewusster Beobachter“, diesen Kollaps hervor.

Nachgewiesen wurde in den Messungen, dass die Anordnungen sehr schnell, superschnell ihre Kohärenz verlieren, sie also auf die Wechselwirkung mit der Umgebung, sprich „bewussten Beobachter“ sehr empfindsam mit Dekohärenz reagieren.

Nun, was soll der ganze Quatsch, und was hat das mit uns und unserem Einkaufszettel für den Supermarkt zu tun?

Welchen Einfluss hat nun Schrödingers 3 Kilo schwere Katze auf unseren Einkaufszettel?

Man könnte die Katze also ruhigen Gewissens streicheln und sie als einen makroskopischen Aufbau auf leisen Pfoten und miauendem Schnäutzchen beschreiben, eine kosmische Anordnung, die in einem unbeobachteten Zustand weder tot noch lebendig ist.

Herrlich weiblich, kann ich da nur sagen, Freude an allen Hausecken der kosmischen Provinz, und ein Grund mehr, ihr aus Dankbarkeit weiterhin fleißig Sahne in die Milch zu rühren.

Beobachten wir allerdings die süße Katze beim Naschen, bedrängen sie mit unserem „Entweder-Oder“ Lärm, bedenken sie ausschließlich mit Null und Eins, nehmen sie in dieser rationalen Versuchsanordnung nicht wirklich wahr, sondern messen nur ihren rationalen Ortszustand, so kollabiert die geschmeidige Superposition aus zwei Ortszuständen blitzschnell, und damit wird die bewusste Katze in den niederen Betriebszustand des Homo Sapiens von „leben oder tot“ heruntergefahren. Aus die Maus.

Der entscheidende Satz, der offen legt, das die Schlaumeier von den heiligen wissenschaftlichen Fakultäten mit ihren am Hirnstamm befestigten Zahlenkombinationen und eleganten Kathederbuchstaben ausschließlich wissenschaftlich im Schritt verklemmt ins Verstehen des Vorgangs sich denken, sie also nur verstehen wollen, aber nicht lieben wollen, erweist sich diese Mechanik als genial dumm und markiert blendend das Denkmal der Spezies in einem einfältigen Horizont: „Wir hoffen sicher alle, dass sie lebt“.

Die Kohärenz aus „tot und lebendig“, Katze in einem unbeobachteten Daseinszustand, ist eine Treppe rauf, sie ist beides, beides gleichzeitig. Was ist das "beides gleichzeitig", lässt sich hier fragen?

Nun kommt die freiwillige Ausgabe des Homo Sapiens, diesem ersten denkenden Zellhaufen, dieser ersten Suche nach der Wahrheit mit den nackten Denkfühlern von Ja und Nein, einem zwergenhaften Denkmal aus Zerstörung, Not, Leid und Elend, diesem Mahnmal aus Muttersöhnchen und Heckenschützen, diesem retutschierten Glanzprospekt aus Lolita und Karrierefrau daher, und bezeichnet sich selbst, man höre und staune „sich selbst“, als wäre das, was die Spezies in ihrem kindlichen Schritt auf der Weltentreppe vollbracht hat, der Aufstieg aus der Tierwelt abgeschlossen und fertig.

Er klassifiziert sich selbst auf der Bühne des Welttheaters als„bewussten Beobachter“, wo er doch nur bis zu einem "Denkmal" der Kriegsveteranen gekommen ist, und versenkt damit, noch bevor überhaupt ein Mensch die nackte Bretterbühne der Welt betreten hat, den Schatz im Vater Rhein.

Doch wir sind bereits weiter als die Wissenschaft messen und die religiöse Institution glauben kann. Wir haben die Natur des kleinen Messfehlers im System erkannt. Heureka. Wir sind nicht länger betrübt über die Ungenauigkeit, sondern hoch erfreut über den kohärenten Lichteinfall.

Der Homo Sapiens wird als Endergebnis, als Resultat der Schöpfung gehandelt, nicht als offener Prozess. Im Aufgang der Evolution zu einem bewussten Sein müsste der Homo Sapiens als „denkender Beobachter“ in das System eingeordnet werden, nicht als bewusster Beobachter, der angstbesetzt hofft, dass die Katze lebt.

So ist es am Stammbaum der Evolution richtig angeordnet, doch noch nicht das Ende des Betriebsausfluges. Der schöpferische Mensch, der große Traum im kleinen Kellerleben des Homo Sapiens, der hofft nicht nur das sie lebt, sondern wenn schon hoffen, dann hofft er, dass die Katze im Zustand des „tot oder lebendig“ bewusst wird, so wie jedes Sandkorn in seiner atomaren Anordnung die Vielfalt der göttlichen Eintracht demütig am Strand der Träume hellauf verteilt.

Materie ist beides, beides gleichzeitig, sie ist da und dort ohne Verlust, ist einheitlich in Vielfalt dividiert, so ist es seit Jahrtausenden im Gesang der Nomanden, Nichtsnutze und Sternendeuter zu hören.

Entdecken wir unter dem Mantel des Homo Sapiens diesen schöpferischen Impuls, so ist es der helle Wunsch aus dieser kosmischen Division Lebensmaterie als Ganzes aufzuheben und vorzuzeigen.

Vielleicht ist es ein zerknüllter Fahrschein auf dem Gehsteig, den wir aufheben. Den stecken wir dann wie ein kleines Kind in die Hosentasche und halten ihn mit dem Wort "da" mit beiden Händen über den Abendbrottisch, um mit diesem naiven Schöpfungsakt das gesamte Ensemble der Familiengesichter fürs Dasein zu begeistern.

Eine Sensation, die politisch im Homo Sapiens auf Freilassung wartet." J.G:

den hügel hinauf


„la Chanson“

Entnommen und kommentiert aus dem Band „Ursprung und Gegenwart“ von Jean Gebser

Auf Seite 38 unter Punkt 2 eröffnet Gebser die illustre Galerie der perspektivischen Welt, vorgeformt in der Spätantike des Mittelmeeres, abgeformt ca. 1250 n Chr. in der europäischen Kultur.

Erwacht im griechischen Körpergefühl, des Abbildes eines Körpers, erweitert sich die Individualität des Homo Sapiens im ausgehenden Mittelalter um das Ich-Bild. Nicht mehr nur das allgemeine, idealtypische Abbild der Spezies ( z.B. Cäsar) ist jetzt auf Bildern von Malern zu finden, sondern das in der individuellen Vielfalt sich ansiedelnde Ich betritt die Ausstellungsräume der Weltentreppe.

Die ersten tastenden Ausflüge aus der schattenlosen Welt eines in die Fläche vermalten "In den Dingen sein", gelang dem italienischen Maler Giotto. Mit ihm wurde erstmals in der Zivilisation der Städte die räumliche Ausdehnung der Fläche in eine für wahr genommene Tiefe sichtbar. Die Spezies erwacht in diesem Abbild aus der Nacht des unbewussten Schlafes der Dinge, in den sie bislang inseelig im Kollektiv der unerwachten Bretterbühne eingesponnen war.

Sie öffnet die Augen in einer sich in der Ich-Perspektive entäußernden Welt. Die individuelle Besonderheit der Dinge sprießt aus einem sich nach innen dehnenden Standort und reißt plötzlich im Lebensraum sichtbar Tiefe in die äußere Wahrnehmung. Das Ich beginnt sich in lyrischer Leidenschaft in Bildern, Gedichten und Heldentaten in die neu entdeckten Abgründe zwischen Mensch und Natur zu stürzen.

Aus dieser Tiefe lodert die ungeduldige Glut des ewigen Wandels auf und erscheint auf den Bauerngesichtern des Mittelalters als hitziger Einbruch in den glühenden Strom dieses Wandels, die Zeit. Im Jahre 1283 wurde im Palasthof des Westminsters erstmalig eine Uhr öffentlich aufgestellt. Pabst Sabinus hatte diesen öffentlichen Glockenschlag bereits im Jahre 604 befohlen, um den Lauf des Tages in einem verlässlichen Maß zu künden.

In diesem kündenden Maß eilt die Spezies aus dem antiken Himmel in die Perspektive des äußeren Raumes und entwirft in den kommenden Jahrhunderten das Abbild eines nicht endenden wollenden „Gegenüber-Seins“ der Welt, das er fortan festverzinslich mit allen Mitteln in seinen Besitz zu nehmen strebt.

Aus diesem Umbruch innerer Wahrnehmung und äußeren Eroberung der Welt zeichnet ein Brief des Francesco Petrarca Worte, die er im Alter von 32 Jahren 1336 an Dionigi Roberti da Borgo San Sepolcro schrieb. Dieser Brief steht zuvorderst im vierten Buch der Familienchronik und berichtet von Petrarcas Besteigung des Mount-Ventoux.

Der Berg liegt in der Nähe von Avignon, nordöstlich, dort, wo die Rhone die französischen Alpen von dem Hügelland der Cevennen und dem gebirgigen Zentralmassiv Mittelfrankreichs scheidet. Der Mount-Ventoux ist von Avignon aus gesehen ein Berg, der mit klaren und ruhigen Linien breit ausladend in ununterbrochenem Anstieg sein Haupt in den provenzalischen Himmel hebt und abwärtsfließend auf der Norwestseite behütenden Schlaf in Mandelbäumen findet.

Die Landschaft um den Berg des Mount-Ventoux wirft in diesen Tagen des Jahres 1336 erhellenden Farben der gnostischen Tradition der ersten großen französischen Dichtung, „La chanson de Roland“ auf den jungen Augustinermönch Petrarca.

Diese Dichtung der Troubadours ist in den lichten Versen mehr der Welterkenntnis zugeneigt, als einem dem inneren Wissen gegenüber verdunkelnden Glauben.

Im Aufgang und Anblick sowie im Sehen der weiten Landschaft der Bergwelt des Mount-Ventoux wird Petrarca Zeuge einer epochalen Morgendämmerung. Eine von seliger Unschuld gemalter Schönheit zieht in Petrarca den schweren Vorhang beiseite und gewährt ihm in diesen Stunden der Höhe einen Ausblick in eine neue Welt.

„Den höchsten Berg unserer Gegend“, so beginnt Petrarcas Brief, „habe ich gestern bestiegen, nur von dem Verlangen geleitet, die namhafte Höhe des Ortes kennen zu lernen. Durch viele Jahre hindurch war dies in meiner Seele; von Kindheit an habe ich mich nämlich, wie du ja weißt, hier in diesen Gegenden herumgetrieben. Jener Berg, weit und breit sichtbar, stand mir fast allezeit vor Augen. Allmählich ward mein Verlangen ungestüm und ich schritt zur Ausführung, insbesondere nachdem ich tags zuvor beim Lesen der römischen Geschichte im Livius auf jene Stelle gestoßen war, wo Philipp, der König von Mazedonien, … den Berg Haemus in Thessalien besteigt, von dessen Gipfel zwei Meere, das Adriatische und der Pontus Euxinus, sichtbar sein sollen.“ Seite 42

Schon viele vor Petrarca haben Berge bestiegen, allerdings nicht aus ästhetischen Gründen, sondern aus militärisch, administrativen Erwägungen, die dem Auftrag eines Staates folgten.

„In den Schluchten trafen wir (er und sein bruder) einen alten Hirten, der mit vielen Worten versuchte, uns von der Besteigung zurückzuhalten und sagte… er habe niemals davon gehört, dass jemand Ähnliches gewagt habe.“

„Und noch im Aufstieg trieb ich mich selber mit diesen Worten an: Was als heute, beim Besteigen dieses Berges du erfahren hast, das kommt gewisslich dir und vielen zugute, die zu einem glückseligen Leben gelangen wollen…“

Auf dem Gipfel angekommen, überstürzen sich die Ereignisse.

„Erschüttert von dem ungewohnten Winde und von dem weiten und freien Schauspiel, war ich zu allererst wie vor Schreck erstarrt. Ich schaue: Die Wolken lagen unter meinen Füssen… Ich wende meinen Blick italienwärts, wohin sich noch mehr als dieser meine Seele wandte…Ich gestehe, dass ich seufzte, da ich den Himmel Italiens sah, der mehr meinem Geist als meinem Auge erschien, und ein unsagbares Verlangen ergriff mich, meine heimat wieder zu sehen… Und dann ergriff mich ein neuer Gedanke, der mich aus dem Raum in die Zeit trug (a locis traduxit ad tempora) Ich sagte zu mir selber: Zehn Jahre sind es her, dass du die Bologna verließest…“

In dieser inneren Erschütterung flieht der Franziskaner in dem Brief in Worten aus der ersten schuldhaften Begehung der Ausdehnung des Raumes zurück in den Geist und Leib behüteten „Goldgrund der Sieneser Meister“.

Nach dem schuldhaften Bekenntnis Verbotenes gesehen zu haben, fährt der Mönch in der Schilderung des gesehenen Raumes weiter: „Dann wende ich mich gen Westen, vergeblich suche ich den Rücken der Pyrenäen, dieser Grenze zwischen Frankreich und Spanien…Ich sehe die Berge der Lyoneser Provinz zur Rechten, und zur Linken die Fluten des Mittelmeeres, die auf der einen Seite Marseille bespülen und sich an Aiges-Mortes brechen; und obwohl die Entfernung weit war, sahen wir sehr deutlich; die Rhone selbst lag unter unserem Blick…“ Seite 43

Bestürzt von der in Schönheit einer sich selbst sehenden Landschaft, sucht der Mönch halt in den Bekenntnissen des Augustinus, wobei ihm eine Zeile zufällt, die aus seiner inneren Heimat aufscheinend seine Schuld aufhebt.

„Gott ist mein Zeuge, und jener der dabei war, (Bruder) dass mein Blick auf folgende Stelle fiel: Und die Menschen gehen die hohen Berge bewundern und die gewaltigen Flüsse und die Unermesslichkeit des Ozeans und die Bahnen der Sterne, und sie geben sich dabei selber auf (et relinquunt se ipsos“. Aufgefahren von dem Ton der inneren Stimme, die in auf dem Gipfel erreicht seelisch erhebt, fährt er fort: „Bestürzung erfasst mich, ich gestehe es, und meinem Bruder, der diese Stelle auch zu lesen wünschte, bittend, mich nicht zu stören, schloss ich das Buch, erzürnt darüber, dass mich auch jetzt noch irdischen Dingen zugewandt hatte, da doch selbst die heidnischen Philosophen es seit langem mich hätten lehren sollen, dass außer der Seele nichts bewunderungswürdiges (des Anschauens wert) sei (nihil praeter animum esse mirabile), und dass im Vergleich mit ihrer Größe nichts groß ist.“ Seite 44

Dem Brief ist nach diesem Bekenntnis ein tiefer Atemzug anzumerken. Überraschend folgen auf dieses Nachsinnen monumentale, die Zeit übersteigende Worte: „Als ich alsdann im Betrachten dieses Berges meine Augen sattsam befriedigt hatte, wandte ich meine inneren Augen in mich selber hinein (in me ipsum interiores oculus reflexi); und von jener Stunde an war es, dass man uns nicht reden hörte…“

Am Ende des Briefes, das Sehende in sich aufhebend, verborgen im seelischen Grund, schreibt er: „Soviel Schweiß und Mühe, damit der Körper dem Himmel um ein kleines näher komme …, etwas ähnliches muss die Seele erschrecken, die sich Gott annähert.“ Seite 44

Von jenem Tag an, so schreibt Gebser in seinem Buch „Ursprung und Gegenwart“, bis zu seinem Lebensende dauert in dem Franziskanermönch Petrarca das Ringen an, das durch den Aufbruch der Sehenden Weite seiner Seele in den äußeren Raum ausgelöst wurde.

roter mohn

madame
endlich
das radioaktive flussbett
der kosmische atem der materie
alles strahlt
grundlos auf
im endloskörper
o du göttlich schöne
du physisch bewusstes überhaupt
in all den 1000 sonnen
meiner zellen

das was ist




Das Erlösende des Buches „Alles fühlt“ von Andreas Weber, ist die Poesie, weniger die wissenschaftlichen Klammern, mit der der Autor etwas zu beweisen sucht, was man nicht beweisen kann, da es ist was es ist.

Das Befreiende, das der Autor aus seiner wahrnehmenden Teilnahme am großen Körper Leben dem Leser in poetisch aufgestellten Buchstaben mitteilt, ist der Ruf des großen Körpers Leben nach dem Werden der Welt, nach Dasein und Liebe. Mit seinem Gehen, Liegen Lauschen, Hören und Sehen befreit uns der Autor aus einem lange währenden Dornröschenschlaf, einem entseelenden Schlaf in der Welt der Maschinen, einem Schlaf betäubender wissenschaftlicher Doktrin, einem ruinösen Schlaf in der Gier der Münze, einem tödlichen Schlaf in der Angst um das Überleben, einem Schlaf, in dem wir nicht fühlen dürfen, dass wir am Leben sind.

Der Autor entführt den Leser in das eigene, noch ungesehene innere Reich der Natur, das in einem schillernden Meer zwischen Himmel und Erde offen vor uns ausgebreitet liegt. Mit den Juwelen der Kröte, den Augen des Wolfs, den Wogen der Gräser, dem rötlichen Rücken des Fuchses, dem flüssigen Kleid der Nachtigall und dem lebendigen Rauschen des Meeres entführt uns der Autor aus dem Schlaf eines gefühllosen Lebens, dem Schlaf des Lebenstodes hinaus in einen hellen Tag im städtischen Freibad. Und immer sind wir versucht uns umzudrehen, so wie Eurydike, um mit dem im Hirn gefangen gehaltenen Geist das Unmessbare, das Wahre, das Unsterbliche zu messen.

Der Dienstweg zur Feststellung was sich glaubwürdig rechnet, ist in der urbanen Bauweise von Leben die Wissenschaft, jedoch das private Wesen der Dinge wird auf den Gängen von Behörden nicht erfasst, nur ihre messbare Nutzbarkeit in Zahlen, Schrauben und Arbeitskonsum.

"Nie ist Wissenschaft anders entstanden als durch poetische Anschauung." Emerson

Der Autor schleicht jedoch auf einem Privatweg herum, abseits der Kanzeln und Katheder, zaubert im stillen Liegen auf der Wiese, in einer langwelligen Nutzlosigkeit eine poetische Anschauung von Welt auf das Blatt, einem Augenschein von Leben, von dem man glaubt, es vorher nie gefühlt, immer an ihm vorüber geeilt zu sein, es nie wirklich wahr genommen zu haben. Wobei das Erhebende in diesem Nebensatz nicht das Wörtchen „wahr“, sondern das Verb „nehmen“ ist. Man kann tatsächlich „das Wahre nehmen“, es ist erlaubt, ja, es ist erlaubt, von niemandem verboten, nur von den Verboten und Geboten der um ihren Bestand fürchtenden Institutionen. Wir sind frei, nicht gebunden an genetische Programme oder behördliche Verordnungen, frei von wissenschaftlichen Theorien oder religiösen Dogmen. Zur Freiheit sind wir geboren, das ist alles.

„Nimm teil am Unteilbaren. Schöpfe Mensch“ © J.G:

Wenn wir sagen Wir, dann umfasst dieses wir nicht nur die seit 2 Millionen Jahre währende Tagung des Menschen auf diesem Planeten, oder bezieht sich auf den kollektiven Akt von 4 Milliarden Jahren Erdgeschichte, in den wir alle ein- und losgebunden sind. Am Beginn des 3. Jahrtausend ist eine neue Qualität von individuellem „Wir“ im Spiel. Es sind die 100 Billionen Zellen eines Körpers radioaktiv auf Empfang geschaltet, eine freie Sendung, auf die sich der Mensch, wenn er „Ich“ sagt neuerdings beziehen kann. Der Mensch ist nicht mehr allein, nicht mehr eingesperrt, nicht mehr gefangen in dem kleinen Kästchen „Lebenstod“, so wie die Spezies des Homo Sapiens Jahrtausend in unbewusster Arbeitsorganisation abhängig gehalten und zum Nachteil der Entwicklung höherer sozialer Lebensformen ruinös ausgenutzt wurde. Wie sagte doch Muhammad Ali am Ende seines Vortrags in Harvard, nachdem ein Student im zurief: Ali give us a poem - „Me We.“

Am Baum der Erkenntnis sprießt zart ein humaner Spross aus dem Ast der Kriegskaste des Homo Sapiens. Bewässern wir diesen jungen Trieb.

so nah am sonnentor

so nah
madame
so nah
bei ihren lenden
schöpfe ich

o madame


grandios
nehmen wir teil
am unteilbaren
unfassbar zart
und weiblich das leuchten
in den zellen
souverän
lebt materie
diesen lichtsatz
atmet radioaktiv
alles liebe
zahlt bar
die helle münze
strahlend hin
zu beiden seiten

Samstag, 12. Januar 2008

"Sie, die Kuh...

... ich, das Pferd."

Menschen und Liebe.
Große Sonne im blauen Stein.

Der farbenprächtige Planet treibt im Glanz der hellen Beugung.
Mit ganzem Leib nur noch nach vorn zum Ursprung hin.
Ein grandioser Überfall.

In seiner inneren Umarmung findet dieser Leib hinter allen Fluren des Hominiden Schemens, hinter allen Herzkammern der sehnsüchtigen Toten, hinter allen Schößen der endlos aufeinander folgenden Geburten, in all der Leere des unendlichen Nichts, glückselig zwei in einem Nest.

„Nichts ist eine Membran“ M. McIron

mein könig





die Hochzeit von Romy Schneider und Gregor Samsa ist im kommenden Sommer zu feiern.

Die Musik zu diesem Fest komponiert in diesen Tagen Victor Jara. Friedrich Hölderlin versprach, als er von diesem Ereignis hörte, zu diesem festlichen Anlass seinen Turm zu verlassen.

Im Protokoll ist auch der Name von Saraswati vermerkt, von der man sagt, sie wohne am großen Fluss. Eines soll hier noch beiläufig Erwähnung finden, man munkelt, Arthur Rimbaud käme, da das Kommen der Königin von Saba angekündigt sei.

Auf dem Deckblatt der Einladung zur Hochzeit steht geschrieben:


„die evolution der primaten
wird einen höflichen knicks im stammbaum machen
und bei der premiere wie von sinnen
strahlend nach vorne zur bühne stürzen“ J. G:

Freitag, 11. Januar 2008

"Poesie ist Ursprung...

... Universum nur der Knall"


Schon gleich mit der ersten Zeile musst du ihnen in den Schritt greifen.

"„Wenn sie mich fragen, „ich“ das sind die Leute, im Grunde die ganze Welt.“

„Hey! Mr. Tambourine Man, play the song for me
I´m not sleppy and there ain´t no place I´m going to” Bob Dylan

Aus dem schwarzgrauen Wolkendach wirft es Eiskörner.

„Auf der Titelseite der Wochenzeitung, die links neben mir auf dem blauen Tisch liegt, sehe ich auf dem Schwarzweißgrund ein kleines in Farbe gehaltenes Abbild einer Atomexplosion. Die Feuersäule, die in den Himmel aufragt, trägt den barocken Glanz von Gold. Vom Boden aufwärts besitzt der Himmelspfosten den Zuschnitt eines Baumes, der im Erdball sonnenfiebrig Wurzeln schlägt. Am irdenen Kindbett hinterlässt die unwissende Entbindung des atomaren Eifers auf dem Lineal der Rotverschiebung einen scharlachroten Abschiedskuss. Steil aufragend und eben wie eine dorische Säule, baut der weiße Zwerg brüllend das Konzentrationslager des Homo Sapiens.

Jetzt, wo ich dir schreibe, bin ich dir so nah wie immer, wenn ich Liebe buchstabiere. Wenn das geschieht, fühle ich so etwas unsagbar Kleines, etwas, das die Größe eines Flugsamens hat und mich barmherzig streift, wie der Atem der Geliebten. In der Feldsaat sehe ich stoisch ruhend das eingerollte Blattwerk des Lebens, die Weltentreppe, ein sonnenhelles Bauwerk, das der trüben Vorteilslinse des mentalen Primaten wie ein Nichts erscheint. Mit dem lichten Leib eines Neugeborenen und den blinzelnden Augen eines Sterbenden hüpfe ich bei Tage mit meinen zu großen Kinderschuhen laut und leise die Stufen hinauf und sehe hier und da mit meiner Mondlampe in die heilige Nacht, wo ich still nach dem Urgrund Ausschau halte." J.G:

Blinder Marsch und höchste Tiefe

Im Schützengraben des freien Lebens sprengte Alfred Jarry mit seinen Schriften, seinen Theaterstücken und seinem eigenen Arsch den Weg frei für all die Künstler, die Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit den Entdeckungen der Physik damit begannen, die Welt aus ihren unbewussten Angeln zu heben.

Mit seinem König Ubu, Roi Ubu, schlug er das klassische Theater kurz und klein. Es sollte, was damals noch keiner ahnte, der Geburtsschrei einer neuen, einer von bürgerlichen Konventionen enthemmten, individuellen Darstellungen von Leben sein.

Jarry klingelte bei seinen Radtouren nicht mit einer Klingel, sondern gab dafür Revolverschüsse ab. In das Cafe stürmend rief er:
„Ist das nicht schön wie Literatur“ Alfred Jarry 1873 – 1907
So verlegte er kurzerhand die Passion Christi in ein bergauf führendes Radrennen mit dem heiligen Matthäus als Sportreporter und einem Radchampion Jesus, der von der zwölften Kurve ins Jenseits befördert wurde.

Der Korken für das 20. Jahrhundert war aus der Flasche und all die großen Angsthasen und Liebhaber des ungebundenen Lebens, all die Taugenichtse und Nachtigallen der Boheme, all die konservierende Spreu der Räsonierer, all die Klugscheißer mit ihren peniblen Bleistiften, ihren malerischen Stummelschwänzchen und alkoholisierten Wagenladungen von Revolutionen, all die Nichtsnutze wagten sich in den Jahren danach aus ihren kleinbürgerlichen Verstecken, erhoben sich aus ihren verschulten Schreibstuben, rieben ihre Hände in den kalten Ateliers, malten, schlugen, kratzten und schrieben sich mit ihren elend hellen Brüchen nieder in das Ringbuch der Welt." J.G:

Donnerstag, 10. Januar 2008

Licht den Tagen voran


Die Geschichte hat ihren Ausgangspunkt in der Erzählung „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“, in der Salinger (Neun Erzählungen) seinen buddhistischen Helden in einem Hotel am Meer Selbstmord begehen lässt.

Die hier aufgelegte Story dreht den Sargdeckel, hebt den Selbstmord auf und lässt den Charakter Seymours in einer anderen Zeit und in völlig anderen Zusammenhängen auferstehen. Ein Comeback.
Gleichsam wird damit das Scheitern der Poesie an der Welt aufgehoben. Die Poesie scheitert nicht an der Welt, sonder sie hebt die Welt darin auf. Ein Lichtsatz.

Mit dem Lichtsatz wird ein helles Kaleidoskop entworfen von einer Lebensmaterie, die aus allen Knopflöchern strahlt.

Der Autor dringt mit seinen flimmernden Schriftzeichen in die Niederlassung eines Lebensbereiches vor, der bislang allein von Wissenschaft, Informationstechnologie und Militär benutzt wurde: die physische Ausstrahlung der Materie.

Das Ereignis der Materie, feste Basis, doch nicht innerstes Motiv von Leben, hat einen strahlenden Hintergrund, der seit Urzeiten alle Welten - radioaktiv - über das Neueste in Kenntnis setzt.

Der Autor bedient sich dieser physischen Realität und näht mit dem Genre der radioaktiven Poesie erstmals handfest einen hellen Knopf an das schwarz bedruckte Nachthemd der Literatur.

Eine poetische Novität.

Dieses Bravourstück ist nach über 100 Jahren einfältigen Vordringens in die Welt der kleinsten Teilchen nicht nur überfällig, sondern das Handwerk des Dichters erwirkt in der Novität der radioaktiven Silben eine erhebende Aussicht, die jedem achtsamen Leser einen ersprießlichen Platz auf der dichten Verzweigung am Stammbaum der Evolution offeriert.

Die Umarmung der Liebenden öffnet die Tür in eine sagenhaft, wirkliche Welt. Der schwarze Schleier der Teilung des Lebens, den J.D. Salinger noch als unsichtbares Motiv für den Selbstmord seines Helden literarisch als unüberwindbar ins Schlachtfeld geführt hat, fällt.

Eine Sensation.

Der Anmut verfallen fordert diese grandiose Aussicht auf den Innenhof der Welt inwendig die Liebenden auf etwas zu tun, was bislang dem Souverän, dem Selbst des Menschen, dem lebendig strahlenden Eisenkern politisch wahrzunehmen und zu tun verwehrt geblieben ist: "Nimm teil am Unteilbaren, schöpfe Mensch." © J.G:

An die kaiserlichen Provinzen

Das weite Gehör
erhebt
aus dem Sitz der Wahrheit
das helle Wort
Hört und folgt
Dem Selbst in allen Dingen
Alles Liebe
Unteilbar dividiert

© J.G:

Innenhof der Welt

„Das Genie des Solitärs Bob Dylan besteht darin, dass er sich selbst entdeckte mit dem Blick aus dem offenen Fenster auf die außergewöhnliche Erde des mittleren Westens. Die Sinnestäuschungen, Wahnbilder, Trugbilder, Irrlichter, Phantasmagorien, Hirngespinste, Delirien, Illusionen, Chimären, Utopien, die gesamte halluzinatorische Sinfonie indianischer Jagdgründe stieg ihn ihm fein und zugleich stark als inneres Erinnerungsbild auf und er begann in der Zeit danach konsequent alle Daten seiner irdischen Biografie wie ein Heiratschwindler zu verschleiern und letztlich in allem was er tat und sang zu löschen. Alles begann, noch bevor die Beat-Generation ihren Messias singen hörte und es setzt sich näselnd weiter fort bis zum heutigen Tag. Sie irren alle, die Anhänger wie die Kritiker der Beat-Generation, weder hören sie, wenn sie ihn hören, eine Stimme jenseits aller Zeit, noch singt ein verschnupfter Barde am offenen Grab. Nein, sie alle beschreiben das Phänomen „Nobody sings Dylan like Dylan“ aus dem sterblichen Bestellkatalog des Homo Sapiens, der, umgeben von dem sauren Nebel des „Think twice“ nicht sehen kann, das ein kleiner Junge aus Hibbing Minnesota aus dem Fenster schaut und erstaunliches sieht, etwas, das sehr fein und sehr stark zugleich ist, etwas, das man immer sieht, jedoch nie mit dem Denken des Homo Sapiens wahr nimmt. Von dieser kindlichen Realitätsprüfung singt Shabtai Zisel ben Avraham Zimmermann, seit dem er aus dem Fenster in Hibbing Minnesota schaute. Er ist nicht mehr allein in seinem Zimmer und nicht mehr allein auf der Welt. Seit 1951 liegt eine Gitarre auf seinem zerwühlten Bett und in seiner rechten Hand wärmt ihn der Atem seiner Mundharmonika.“ © J.G: