hier...
dort müssen sie immer nur arbeiten“
Nomadin in Oman
Literatur / radioaktive Poesie / politische Physik / Homo Sapiens Revue / Evolution / Übergang / Alltag /
"Es ist egal, ob die Vorschrift aus dem Amt kommt, das Gebot von der Kanzel oder die Nachricht über einen elektrischen Apparat. Im hellen Haus der weiten Welt erholt sich das ich und alles andere von den engen Fluren und schäbigen Klassenzimmern.
Nach einer Woche der Genesung, viel Schlaf, abends meist Schwarzbrot mit Butter und einem Apfel, viel Tee und Wasser, viel Arbeit im Labor und einem roten Faden vom Indianer, sitze ich im Kaminzimmer bei gedämpftem Licht und versuche mich mit dem Alphabet zu orten.

„Die Tage verlassen den Sonnenweg,
auf den Sandwegen schwindeln die Odeurs“
Am Samstag fuhr ich musikalisch in den jungen Abendhimmel.
Die staatliche Jugendmusikschule hatte geladen und junge Musiker erhoben mit Notierungen Schuberts, Debussys, Bachs, Chopins, Schostakovitschs, Beethovens, Brahms das Ansehen der Erde.
Die Tochter meines Freundes war vorgesehen für die „drei Phantastischen Tänze“ von Schostakovitsch. Eine atemberaubende Rhythmik, wie sich herausstellen sollte. Nicht fließend, sondern ein aus aufbegehrenden Leibern fassungsloses Meer.
Beim Allegretto stolpert sie, fängt sich aber wieder und spielt den Tanz mit Bravour aus.
Sie, das junge Weib, eine Frühgeburt.
Lebendiges Gemälde, eine Reihe vor mir.
Das Wesen zart, leise, unscheinbar und doch brennend wie ein Scheiterhaufen.
Neben ihr eine langjährige Freundin.
Ein erregend schwarzer Haarschopf wallte über die Lehne des Stuhls und berührte mit glänzend kastanienbraunen Spitzen mein rechtes Knie.
„Zur Materie meines Körpers
habe ich inzwischen ein sehr persönliches,
ja man kann sagen ein intimes Verhältnis, wie zu meinem Hund.
Ich spreche mit ihr
und sie antwortet inzwischen äußerst klug auf diese Anrede.“
Johan van der Loewen
Die Klavierspielerin schaute zweimal während des Abends zu mir. Vor und nach ihrem haltlosen Spiel. Still gejagt wandte der unberührte Körper seinen schmalen Kopf nach rechts, hin zur geschlossenen Eingangstür.
Die Netzhaut aber wollte mich.
„Er erzählt darin ganz kurz
von einem kleinen Mädchen in einem Flugzeug,
das eine Puppe neben sich sitzen hat und deren Kopf so dreht,
dass sie den Dichter ansehen kann.“
J.D.- Salinger
Die Sonatina aus dem Actus tragicus „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ konnte an diesem Abend nicht gespielt werden, so die Entschuldigung von Frau Khoteeva, da die Querflötistin eine Erkältung hatte.
„Für den Dichter erweisen sich alle wichtigen Dinge auf dieser Welt – nicht Leben und Tod vielleicht, das sind nur Worte,
sondern die wirklich wichtigen Dinge – als schön.“
J.D. Salinger
Eine Schönheit machte mit „The girl from Ipanema“ den Auftakt.
Leichtsinnig passierten mich die Klaviernoten.
Die jungen Asiaten meistern Bach mit spielerischer Arroganz und mit weißen Söckchen. Seit tausenden von Jahren wischen sie jedes Sandkorn von den Füssen des Kaisers. Viktor Su stolzierte erst nach mehrmaligem Rufen aus dem Foyer quer durch den kleinen Saal zum Steinwayflügel und rotzte wütend das Präludium wie Fuge fis-moll aus dem wohltemperierten Klavier.
Mit seinem Abgang drehte er die Welt für 5 Sekunden rückwärts.
„Es war, als stünde einem auf der anderen Seite des Netzes Mutter Kali gegenüber, vielarmig und grinsend und ohne das geringste Interesse am Ergebnis“
J.D. Salinger
Der helle Konzertraum, halbgefüllt mit Eltern, Freunden und jungen Musikern, trug grelles, blassgelbes Schullicht an Wänden und Decken. Zwei Konzertflügel, einer glänzend, der andere matt, der eine links, der andere rechts von den bestuhlten Reihen, standen sich berührungslos gegenüber.
„Nachmittags trottete Curtis Caulfield mit Seymour und mir zum Central Park, und dort entdeckt ich, dass er den Ball warf, als hätte er zwei linke Hände – kurz gesagt, wie die meisten Mädchen werfen -, und ich sehe jetzt noch Seymours Gesicht vor mir, als ich wie ein Pferd, wie ein Hengst höhnisch wieherte. (Wie kann ich diese tiefenpsychologische Analyse wegerklären? Bin ich zum Feind übergelaufen? Sollte ich eine Praxis aufmachen?“
J.D. Salinger
Debussy ein Sonderling. Freiklassik. Meine verschränkten Arme senkten sich, gingen auf den Schenkeln nieder, gaben den Brustraum der Herzmaterie für die hereinstürmenden Photonen frei.
Huyung-Kyung Yi erquickte die Hörenden, belebte die Eingänge zum kaiserlichen Palast mit Himmelswasser. Mit den Tropfen der Keuschheit wischte sie die verstaubte Aussicht der Erwachsenen frei. Keine Sünde, keinen Tod. Überall nur noch Sonne. Chopin Nr. 15 Sostenuto Des-Dur.
„Denn ich fühle mich, wenn auch mild,
so doch ausreichend verbrannt“
J.D. Salinger
Endlich sie.
Schmal, wütend und allein.
Das Ich in mir senkt den Blick, schließt die Augen.
Totenstille.
Einen Augenblick begehre ich auf, denke. Doch dann entlasse ich die vorlauten Minister.
Schließe die Tore zum Palast.
Äonen keinen Laut.
Welch ein Wunder.
Materie, aus dem Inneren hell erwacht.
Dann das Allegretto.
Schwerelos.
Dann der kleine Fehler.
Sie errötet.
Mit ihm wischt sie im Andante die ersten Silhouetten bewusster Materie in den noch mentallosen Stein.
Ein phantastischer Fehler.
“Lös die Schweiz in dir auf“
M. McIron
Die weiße Spange in ihrem Mondhaar sah ich zuerst.
Dann den Blumenrock, der ihr über die Knie reichte. Die schwarzen Schuhe waren an den Fersen offen. Weiße Söckchen im Kaiserpalast. Bambus im Pazifikwind. Beethoven in den Reisfeldern. Alles im Saal leuchtete heimwärts.
Konzert C Dur op.15. 1. Satz Allegro con brio.
„Sie trug ein gelbes Baumwollkleid, das ich liebte,
weil es zu lang für sie war.“
J.D. Salinger
Unten im Foyer hing eine Ausstellung von ihr und ihr.
„Piano Inside – A Mystical Ride”
© J.G: aus der Erzählung “Schlamm des Lotos”


In den Wäldern brach Unruhe aus. Ein schauriges Unwetter zog auf und in Minuten schüttelten die ersten Sturmböen die Herden der Primaten wie reife Früchte aus dem grünen Schutz der Riesenbäume. Ein nachtschwarzer Orkan zog hinter dem Horizont hitzköpfig seine Bahn und setzte mit einem gewaltigen Blitzgewitter in Sekunden den jungen Himmel in Brand.
"Meinem Bruder Piere,
"Wird einem das Wort wie eine süße Frucht in den Mund gelegt, dann soll man auch davon probieren.
"Im Rondell des ersten Stocks,
...ächtet den Krieg
Unveröffentlichter Vortrag von Johann van der Loewen im Club of Rome
„Jeder Mensch hat unabhängig seiner sozialen Herkunft, seiner kulturellen Zugehörigkeit, sowie seines persönlichen Bewusstseinsstandes einen kulturellen Bildungsanspruch auf das mediale Weltkulturgut: die Live-Ansicht der ganzen Erde aus dem Weltraum.
"Alle infertilen Bücher habe ich zu Hause im Büchergestell asketisch verkeilt, damit sie nicht in die Versuchung kommen mit List und Tücke der Kopfarbeit sich selbst aufzuschlagen und damit eine analytische Treibjagd veranstalten auf die Liebenden im Sand, im Wind, am Meer.
„Franz, der Nebel lichtet sich, du kannst aufstehen“ J.G.
"Bei unserem Aufenthalt im Schloss gab es ein Konzert im großen Saal, dort wo sie zu DDR Zeiten Turnunterricht abgehalten hatten und wo noch immer das Seitpferd wie ein quergelegter Sarkophag aus einer vergangenen Zeit schräg hinter dem schwarzen Flügel magnesiumbedruckt thront.
Entsiegelt vom vielwandigen Denken erhebt sich das Wort vom Sitz der Wahrheit.
"Der schöpferische Wille erscheint auf der Bühne des Welttheaters. Dieser Lichtsatz überholt leichtfüßig das versagende, analytische "verstehen wollen" des Homo Sapiens Sapiens, das so hilflos korrupt dahin debattiert, den Krieg und die Gewalt am Leben nicht zu beenden weiß" J.G:
"Bewegungslos schwammen am großen Körper kleine, bunte Fische vorüber, spiegelten sich anmutig zwinkernd im rosa Perlmutt. Zart hingeben kosteten Tentakel des Verlangens innig das erste Salz auf der Haut der Liebenden. Zwei Muscheln, wonnetrunken in ihrem nassen Glanz vereint, küssten Perlen mit silbernen Mündern." J.G:
"Seien sie bitte nachsichtig, wenn ich schon hier mit der Tür ins Haus falle, doch die alphabetischen Ordnungslinien im molekularen Überleben bieten dem in Dichtung und Wahrheit herumstreifenden Denkprimaten derzeit nur eine unbefriedigende, eine am Grunde des Ereignisses nur verstellte Aussicht auf den ersehnten Lichtsatz.
„Nach dem die Armen lesen, schreiben und rechnen gelernt hatten und sie jetzt lesen, schreiben und rechnen konnten was los ist, begannen die feudalen Herrscher in ihren demokratisierten Häusern damit die Buchstaben und Zahlen zu vertauschen, so dass man in den Zeitungen nicht mehr lesen konnte, was los ist.“ J. G:
Das ist es ja, was er noch nicht wahr-nehmen kann, beides, die Sollbruchstelle des Homo Sapiens hin zum Menschen, er kann einfach nicht beides.


Das Erlösende des Buches „Alles fühlt“ von Andreas Weber, ist die Poesie, weniger die wissenschaftlichen Klammern, mit der der Autor etwas zu beweisen sucht, was man nicht beweisen kann, da es ist was es ist.
Das Befreiende, das der Autor aus seiner wahrnehmenden Teilnahme am großen Körper Leben dem Leser in poetisch aufgestellten Buchstaben mitteilt, ist der Ruf des großen Körpers Leben nach dem Werden der Welt, nach Dasein und Liebe. Mit seinem Gehen, Liegen Lauschen, Hören und Sehen befreit uns der Autor aus einem lange währenden Dornröschenschlaf, einem entseelenden Schlaf in der Welt der Maschinen, einem Schlaf betäubender wissenschaftlicher Doktrin, einem ruinösen Schlaf in der Gier der Münze, einem tödlichen Schlaf in der Angst um das Überleben, einem Schlaf, in dem wir nicht fühlen dürfen, dass wir am Leben sind.
Der Autor entführt den Leser in das eigene, noch ungesehene innere Reich der Natur, das in einem schillernden Meer zwischen Himmel und Erde offen vor uns ausgebreitet liegt. Mit den Juwelen der Kröte, den Augen des Wolfs, den Wogen der Gräser, dem rötlichen Rücken des Fuchses, dem flüssigen Kleid der Nachtigall und dem lebendigen Rauschen des Meeres entführt uns der Autor aus dem Schlaf eines gefühllosen Lebens, dem Schlaf des Lebenstodes hinaus in einen hellen Tag im städtischen Freibad. Und immer sind wir versucht uns umzudrehen, so wie Eurydike, um mit dem im Hirn gefangen gehaltenen Geist das Unmessbare, das Wahre, das Unsterbliche zu messen.
Der Dienstweg zur Feststellung was sich glaubwürdig rechnet, ist in der urbanen Bauweise von Leben die Wissenschaft, jedoch das private Wesen der Dinge wird auf den Gängen von Behörden nicht erfasst, nur ihre messbare Nutzbarkeit in Zahlen, Schrauben und Arbeitskonsum.
"Nie ist Wissenschaft anders entstanden als durch poetische Anschauung." Emerson
Der Autor schleicht jedoch auf einem Privatweg herum, abseits der Kanzeln und Katheder, zaubert im stillen Liegen auf der Wiese, in einer langwelligen Nutzlosigkeit eine poetische Anschauung von Welt auf das Blatt, einem Augenschein von Leben, von dem man glaubt, es vorher nie gefühlt, immer an ihm vorüber geeilt zu sein, es nie wirklich wahr genommen zu haben. Wobei das Erhebende in diesem Nebensatz nicht das Wörtchen „wahr“, sondern das Verb „nehmen“ ist. Man kann tatsächlich „das Wahre nehmen“, es ist erlaubt, ja, es ist erlaubt, von niemandem verboten, nur von den Verboten und Geboten der um ihren Bestand fürchtenden Institutionen. Wir sind frei, nicht gebunden an genetische Programme oder behördliche Verordnungen, frei von wissenschaftlichen Theorien oder religiösen Dogmen. Zur Freiheit sind wir geboren, das ist alles.
„Nimm teil am Unteilbaren. Schöpfe Mensch“ © J.G:
Wenn wir sagen Wir, dann umfasst dieses wir nicht nur die seit 2 Millionen Jahre währende Tagung des Menschen auf diesem Planeten, oder bezieht sich auf den kollektiven Akt von 4 Milliarden Jahren Erdgeschichte, in den wir alle ein- und losgebunden sind. Am Beginn des 3. Jahrtausend ist eine neue Qualität von individuellem „Wir“ im Spiel. Es sind die 100 Billionen Zellen eines Körpers radioaktiv auf Empfang geschaltet, eine freie Sendung, auf die sich der Mensch, wenn er „Ich“ sagt neuerdings beziehen kann. Der Mensch ist nicht mehr allein, nicht mehr eingesperrt, nicht mehr gefangen in dem kleinen Kästchen „Lebenstod“, so wie die Spezies des Homo Sapiens Jahrtausend in unbewusster Arbeitsorganisation abhängig gehalten und zum Nachteil der Entwicklung höherer sozialer Lebensformen ruinös ausgenutzt wurde. Wie sagte doch Muhammad Ali am Ende seines Vortrags in Harvard, nachdem ein Student im zurief: Ali give us a poem - „Me We.“
Am Baum der Erkenntnis sprießt zart ein humaner Spross aus dem Ast der Kriegskaste des Homo Sapiens. Bewässern wir diesen jungen Trieb.
... ich, das Pferd."

... Universum nur der Knall"
Im Schützengraben des freien Lebens sprengte Alfred Jarry mit seinen Schriften, seinen Theaterstücken und seinem eigenen Arsch den Weg frei für all die Künstler, die Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit den Entdeckungen der Physik damit begannen, die Welt aus ihren unbewussten Angeln zu heben.
„Das Genie des Solitärs Bob Dylan besteht darin, dass er sich selbst entdeckte mit dem Blick aus dem offenen Fenster auf die außergewöhnliche Erde des mittleren Westens. Die Sinnestäuschungen, Wahnbilder, Trugbilder, Irrlichter, Phantasmagorien, Hirngespinste, Delirien, Illusionen, Chimären, Utopien, die gesamte halluzinatorische Sinfonie indianischer Jagdgründe stieg ihn ihm fein und zugleich stark als inneres Erinnerungsbild auf und er begann in der Zeit danach konsequent alle Daten seiner irdischen Biografie wie ein Heiratschwindler zu verschleiern und letztlich in allem was er tat und sang zu löschen. Alles begann, noch bevor die Beat-Generation ihren Messias singen hörte und es setzt sich näselnd weiter fort bis zum heutigen Tag. Sie irren alle, die Anhänger wie die Kritiker der Beat-Generation, weder hören sie, wenn sie ihn hören, eine Stimme jenseits aller Zeit, noch singt ein verschnupfter Barde am offenen Grab. Nein, sie alle beschreiben das Phänomen „Nobody sings Dylan like Dylan“ aus dem sterblichen Bestellkatalog des Homo Sapiens, der, umgeben von dem sauren Nebel des „Think twice“ nicht sehen kann, das ein kleiner Junge aus Hibbing Minnesota aus dem Fenster schaut und erstaunliches sieht, etwas, das sehr fein und sehr stark zugleich ist, etwas, das man immer sieht, jedoch nie mit dem Denken des Homo Sapiens wahr nimmt. Von dieser kindlichen Realitätsprüfung singt Shabtai Zisel ben Avraham Zimmermann, seit dem er aus dem Fenster in Hibbing Minnesota schaute. Er ist nicht mehr allein in seinem Zimmer und nicht mehr allein auf der Welt. Seit 1951 liegt eine Gitarre auf seinem zerwühlten Bett und in seiner rechten Hand wärmt ihn der Atem seiner Mundharmonika.“ © J.G: